Prostitution.
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Auch ist das Prostitutionsgewerbe nicht erblich. Das menschliche
Parasitentum vermag sich nicht in gleicher Weise biologisch
fortzupflanzen wie das tierische. Zunächst ist die Nachkommen-
schaft der Prostituierten zahlenmäßig geringfügig; die Mehr-
zahl der Professionellen scheint steril zu sein?56a; außerdem er-
weisen die Nachforschungen nach dem Beruf der Mütter, daß
das Rekrutierungsgebiet der Dirnen nicht zentral in der alten
Dirnenwelt liegt. Die Dirnen selbst pflegen überdies häufig alles
zu tun, um ihre Kinder auf andere, höhere Berufe hin erziehen
zu lassen?257, Denn das Gesetz der sozialen Kapillarität bewirkt
bei vielen Dirnen, ebenso wie bei Verbrechern usw., sogar etwas
wie eine Art von Metabiose. Aus Ekel über die Unmoral ihrer
Lebensbedingungen setzen viele von ihnen alles daran, ihren,
Kindern eine Erziehung zuteil werden zu lassen, die sie daran
hindern soll, die Wege der Eltern zu wandeln?58, Im ganzen
läßt sich sagen, daß die Sukzession des sozialen Parasitentums,
auch wenn eine solche leiblich vorhanden, ihrem Wesen nach
nicht zwangsläufig zu sein braucht? Von den Prostituierten
selbst geht ein Teil bekanntlich im Laufe der Zeit wieder zu
neuen, bürgerlichen Berufen über260, Bisweilen scheint die
Prostitution auch geradezu die Funktion eines Durchgangs-
punktes zur Ausübung eines anständigen Gewerbes gespielt zu
haben. Aus der Tätigkeit der Londoner Heilsarmee wissen wir
von Fällen, in denen arme, alleinstehende Mädchen im Rescue
Prostituierten in Romanen dargestellt. So Honor6 de Balzac, Un m6nage
de garcon. (Ed. Paris, Michel Levy, p. 57.)
2662 Vgl. S. 16 unseres Buches,
257 Jean Massart et Emile Vandervelde, Parasitisme organique et
parasitisme social, Paris 1898, Schleicher, p. 125££f.
258 Parent-Duchatelet, vol. I, p. 146, 454; Massart et Vander-
velde, p. ı25ss. — Umberto Notari, Quelle signore. Scene di una
grande citta moderna. Nuova Ed., Milano 1907, Soc, Ed., p. 156.
259 Massart et Vandervelde, p. 125ss.
260 Schnapper-Arndt, S. 550.
Michels, Sittlichkeit in Ziffern.