Full text : Die Konsumtion

158  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§  8

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§  8.  Zukunftsfragen  der  Konsumtion.
Ueber  die  Zukunft  der  Konsumtion  läßt  sich  natürlich  nur  in  vagen  Vermutungen ­
  sprechen.  Ob  mit  einer  sozialen  Hebung  der  Massen  zu  rechnen
sein  wird,  ob  der  ostasiatische,  westeuropäische  oder  amerikanische  Konsumtionstypus ­
  die  Oberhand  gewinnen  wird,  ob  Kriege,  Seuchen,  Naturereignisse
die  Existenzbedingungen  verschlechtern  oder  verbessern  werden,  wie  bald  es
der  chemischen  Forschung  gelingen  mag,  die  natürliche  Produktion  der  Nahrungs- ­
  und  Bekleidungsmittel  zu  ergänzen:  von  all  diesen  Fragen  hängt  die
Wandlung  des  Konsumtionstypus  und  die  Grenze  der  künftigen  Konsumtionsmöglichkeit ­
  wie  der  Bevölkerungszunahme  ab;  andererseits  würde  ein  starker  Rückgang ­
  der  Bevölkerungszunahme,  wie  er  sich  in  den  Ländern  westeuropäischer  Kultur
anzubahnen  scheint,  den  Konsumtionsspielraum  auskömmlicher  erscheinen  lassen.
Man  hat  öfter  berechnet,  daß  die  Fortdauer  und  Verallgemeinerung  eines  Geburtenüberschusses ­
  von  jährlich  1—1%%,  wie  in  den  letzten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts ­
  in  vielen  europäischen  Staaten,  bald  zu  einer  phantastischen  Bevölkerungsdichte ­
  führen  müßte,  ohne  zu  berücksichtigen,  daß  schon  die  Annäherung  an  einen
solchen  Dichtigkeitsgrad  hemmende  Konsumtionsschwierigkeiten  schaffen  würde.
Die  oft  angekündigte  Chance  einer  künstlichen  Herstellung  von  Nahrungsstoffen
hat  konkretere  Gestalt  gewonnen,  seit  EmilFischer  1907  in  der  Berliner  Akademie ­
  der  Wissenschaften  auf  Grund  seiner  Proteinforschungen  in  der  Darstellung
künstlicher  Fermente  den  Weg  wies,  der  in  absehbarer  Zeit  die  Nutzbarmachung
des  Holzes  für  die  tierische  Ernährung  in  Aussicht  stellt.  Ohne  diese  Möglichkeit
zusätzlicher  Nahrungsmengen  zu  berücksichtigen,  hat  man  die  maximale  Ernährungskraft ­
  der  Erde  mit  sehr  verschiedenen  Schätzungen  zu  begrenzen  versucht  ’).
Nimmt  man  eine  überwiegend  vegetabilische  Nahrung  an,  mit  sehr  wenig  Nutzvieh ­
  und  Zugvieh,  so  daß  die  Bodenfläche  fast  restlos  unmittelbar  dem  menschlichen
Unterhalte  dient,  wie  in  Ostasien,  und  legt  man  vollends  den  mäßigen  Nahrungsbedarf ­
  des  durchschnittlich  kleinen  Ostasiaten  zugrunde,  so  kommt  man  zu  hohen
Maximalzahlen.  Der  englische  Geograph  Ravenstein  berechnete  1890,  daß
6  Milliarden  Menschen  auf  der  Erde  leben  können,  der  deutsche  Statistiker  v.  Fircks
(1898)  über  9  Milliarden,  um  von  phantastischen  Schätzungen  bis  zu  250  Milliarden
zu  schweigen.  Die  heutige  Erdbevölkerung  bleibt  wahrscheinlich  hinter  2  Milliarden
erheblich  zurück.  Ballod  berechnete  1912,  unter  Berücksichtigung  der  für  Textilstoffe ­
  erforderlichen  Fläche  und  bei  der  Annahme  einer  Steigerung  der  Ernten  pro
Hektar  auf  das  1  y 2 —2  fache  der  heutigen  amerikanischen  Menge,  entweder  6,8—7
Milliarden  nach  deutschem  oder  22,4  Milliarden  nach  ostasiatischem  Typus  lebende
Menschen  als  Höchstzahl;  bei  gehobener  Lebenshaltung  wären  diese  Zahlen  zu  reduzieren, ­
  bei  Entdeckung  großer  Lager  von  Phosphorsäure,  dem  für  die  künstliche
Düngung  der  Nahrungsfläche  künftig  knappen  Bestandteil,  zu  erhöhen.
Daß  der  künftige  Nahrungsbedarf  auch  von  dem  Maße  der  Stadtbildung  und
Industrialisierung  abhängt,  ergibt  sich  aus  den  Ausführungen  des  vorigen  Paragraphen.
Unter  Umständen  kann  aber  das  Gesetz  vom  abnehmenden  Bodenerträge  die  Menschheit ­
  nötigen,  wieder  mehr  zur  landwirtschaftlichen  Arbeit  zurückzukehren,  um  dem
Boden  durch  arbeitsintensivste  Bewirtschaftung  maximale  Erträge  abzugewinnen;
während  umgekehrt  die  wahrscheinlich  dicht  bevorstehende  oder  schon  beginnende
Abnahme  des  relativen  Ertrages  im  Bergbau  geeignet  ist,  teils  mehr  Arbeitskräfte
dem  Bergbau  zuzuführen,  teils  den  Verbrauch  industrieller  Waren  und  den  Güterverkehr ­
  zu  vermindern.  Ballod  vermutet,  daß  die  Menschheit,  um  den  Standard  ihrer
Bedürfnisbefriedigung  aufrecht  zu  halten,  schließlich  versuchen  werde,  sich  den
subtropischen  Gebieten  zu  akklimatisieren,  die  bei  reichlichen  Ernten  eine  Ersparnis
J )  Vgl.  zum  Folgenden  Ballod,  Wieviel  Menschen  kann  die  Erde  ernähren  ?  Jahrbuch ­
  für  Gesetzgebung  1912,  S.  81  f.
            
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