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Es kommt hier ferner die gegenseitige Ergänzung der einzelnen Mitglie-
der der Kollegien in Betracht. Im ganzen kann man vielleicht sagen: ein
solches Kollegium leistet mehr als ein einzelner Mensch von .durchschnitt-
lichem Niveau, aber weniger als eine einzelne bedeutende Persönlichkeit.
Man kann schon aus dieser Gegenüberstellung zweier verschiedener
Typen von Gruppen entnehmen, welche Rolle die Individua lität
der Gruppe hei unsrer Frage spielt. Man muß in der Tat bei der
Gruppe mit einer solchen ebenso wie bei dem einzelnen Menschen rech-
nen: so verschieden nach Niveau und Gehalt diese sind, ebenso verschie-
den jene. Die großen Lebensgemeinschaften, jene Dauergebilde in der
Geschichte der Menschheit mit ihrem überwiegend naturhaft elementa-
ren Charakter, haben in dieser Beziehung einen ganz anderen Charakter
als die spezialistischen Berufsgruppen des modernen Lebens. Schon bei
der Erörterung des Lebensdranges der Gruppe wiesen wir darauf hin
($ 31,2), wie dieser in der Regel zwar einen überwiegend naturalisti-
schen Inhalt hat, im einzelnen jedoch die maßgebenden Wertanschau-
ungen sehr verschieden sein können. Die einzelnen Fälle wollen daher
jeder individuell verstanden sein. So begründet Simmel seinen Sat
vom Unterschied des sozialen und des individuellen Niveaus hauptsäch-
lich mit Beispielen, die er dem Typus der Lebensgemeinschaften ent-
nimmt!) und verallgemeinert mit Unrecht, was er bei ihnen feststellt.
Ein anderes Bild zeigt ein in der äußeren Formulierung ziemlich über-
einstimmendes Beispiel, das sich auf den Übermut jugendlicher Zusam-
menrottungen bezieht: „Wo es gilt, dem Lehrer einen Schabernack zu
spielen, den Schuldiener hinters Licht zu führen, einen Obstbaum zu
plündern, eine mißliebige Person durch Einwerfen der Fensterscheiben
oder sonstige Demolierung ihres Eigentums zu ärgern, da übt das Wort
des Führers eine oft unglaubliche Gewalt über die andern aus, und selbst
die friedfertigsten Kinder vollführen in blindem Gehorsam Taten, über
welche die Eltern, die ihnen nie so etwas zugetraut hätten, mit Recht in
Schrecken geraten. Es handelt sich dabei nicht nur um den Einfluß des
bösen Beispiels, obwohl dieser Faktor natürlich nicht‘ übersehen werden
darf, sondern der sociale esprit de corps gewinnt ersichtlich einen ganz
besonders starken Einfluß auf die Gemüter, wenn es die Zusammen-
rottung zu einem Kampfe gilt”).“ Der Schlüssel zum Verständnis be-
steht hier ersichtlich in der Tatsache, daß die Jugend in ihrer Unterneh-
mungs- und Tatenlust durch unsere Erziehung überall gehemmt ist (und
früher noch mehr war): die in jedem Einzelnen vorhandene schlum-
mernde Tendenz zur Durchbrechung der Dämme gewinnt offenbar durch
Die Gruppe.
1) Simmel ‚ Grundfragen der Soziologie, S. 35.
2) KarlGroos. Die Spiele der Menschen, S. 437