Full text: Das Ich und der Staat

1V. Das Jch als Massenteilchen 51 
unerreichbar, keine Macht der Welt kann es mir zurückbringen. Ein 
Gefühl, das schon mehr als ein Ich, das seinem unbändigen Hasse 
hatte die Zügel schießen lassen, hinterher zur Selbstvernichtung 
getrieben hat. 
So ist der Haß ein Mysterium, und nicht minder ist die Liebe 
eins. Denn wie aus der Vereinigung zweier liebender Ichs, wenn 
ihnen das Bewußtsein, gesonderte Wesen zu sein, für Sekunden 
schwindet – wenn ihre Seelen ,,ineinanderfließen“’, wie es in der 
Dichtersprache heißt –~ wie daraus ein neues Ich entsteht, das 
wird keine Wissenschaft je ergründen. Gleichwohl sind Liebe und 
Haß die einzigen Kräfte, die wir aus unmittelbarer Erfahrung 
kennen, und auf Grund dieser Erfahrung formen wir die zahllosen 
Hilfsbegriffe von mechanischen, chemischen, magnetischen, elektrischen 
Kräften der Anziehung und Abstoßung, worauf wir dann unser 
jeweiliges wissenschaftliches System aufbauen. Die alten Griechen 
wußten das schon und blieben dabei im großen und ganzen bescheiden 
den Wundern des Seins und Werdens gegenüber ~ „„Alles, was 
ich weiß, ist, daß ich nichts weiß“ — wir Neueren bilden uns oft 
wunders was ein, wenn wir einen neuen Hilfsbegriff mit einem 
neuen, anspruchsvollen Namen verzieren, und es muß uns, im 
zweiten Jahrhundert nach Kant, von Zeit zu Zeit immer wieder 
gesagt werden, daß wir damit dem Wesen der Dinge um keinen 
Fingerbreit näher kommen. 
Liebe und Haß sind denn auch die einzigen, uns aus unmittelbarer 
Erfahrung bekannten Kräfte, die im Staate zur Massenbildung 
führen. Liebe und Haß natürlich nicht nur in der schärfsten Aus- 
prägung, die man mit der, hier wie stets unzulänglichen Wort- 
bezeichnung verbinden kann, sondern in ihren mannigfachen Ab- 
stufungen, deren untersten Graden man etwa durch die abgedämpften 
Ausdrücke Zuneigung und Abneigung gerecht wird. Ichs, deren 
Wille in bezug auf irgendeine Angelegenheit des öffentlichen Lebens 
gleichgerichtet ist, die annähernd das Gleiche wollen oder nicht 
wollen, üben, je nach der Wichtigkeit der Sache, eine schwächere 
oder stärkere Anziehungskraft aufeinander aus. Von andern Ichs 
dagegen, deren Wille anders oder entgegen gerichtet ist, fühlen die 
gleichgerichteten Ichs sich mehr oder minder heftig abgestoßen. Die
	        
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