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Nach dem 6. Jahrgang des „Statistischen Jahrbuches für das
Deutsche Reich" lebten 1885 in Belgien 36,196 in Deutschland
geborene Personen; jedoch wird die wirkliche Zahl wohl eine
größere sein. Eine nennenswerthe Anzahl Deutscher wohnt in
Antwerpen; die Zahlenangaben schwanken zwischen 5000 und
16000. Unter den Deutschen Antwerpens, wie überhaupt unter
den dortigen Fremden, sollen sich recht viele zweifelhafte Ele
mente befinden; doch ist auch ein großer Theil der angesehensten
Firmen dieser hochwichtigen Handelsstadt in deutschen Händen.
Fast rein vlämisch sind die Provinzen Ostflandern,
Antwerpen, Westflandern und Limburg; auch in
Brabant überwiegt das vlämische Element bedeutend. Selbst
über die belgische Grenze hinaus, bis nahe an Calais wird
die vlamische Sprache verstanden. Ein Bericht des französischen
Generals Faidherbe vom Frühjahr 1871 erwähnt die deutsch-
freundliche Gesinnung der „population basse-allemande“ im
französischen Departement du Nord.
An dem blutigen Aufstand gegen die Herrschaft der ihnen
so nahe verwandten Holländer im Jahre 1830 nahmen in echt
germanisch'partikularistischer Verblendung auch die Flamländer
Antheil und zwar mit derselben Begeisterung, mit derselben Wuth
wie die Wallonen. Als dieser Aufstand dann schließlich zur
Gründung des neuen Königreichs Belgien geführt hatte, maßten
sich natürlicher Weise die Wallonen die Oberherrschaft in dem
selben an, welche doch nach Bevölkerungsziffer und geschichtlicher
Vergangenheit ohne Zweifel den Flamländern zugekommen wäre.
Das Französische wurde Hof-, Amts- und Staatssprache, die
urwüchsige schöne vlämische Sprache wurde in unverantwort
licher Weise zurückgedrängt. Selbstverständlich ließen sich die
Flamländer eine solche Zurücksetzung nicht gefallen; es entstand