Full text : Lebenserinnerungen

Heroismus,  der  durch  alles  Nein  hindurch  zuversichtlich  aufeinZa  gerichtet ­
  ist  und  dies  allen  Widerständen  entgegenhält.  Unser  Leben
behält  auch  dann  einen  5inn  pnd  Wert,  wenn  es  mehr  ein  inneres
Vordringen  als  ein  äusteres  Überwinden,  mehr  ein  Wecken  und
Lammeln  der  Kräfte  als  ein  volles  Erreichen  des  Zieles  ist,  wenn
es  in  Zusammenhängen  steht,  die  wir  nicht  klar  durchschauen.  3o
dachte  auch  Luther,  wenn  er  sagte:  „Ls  ist  noch  nicht  getan  und
geschehen,  es  ist  aber  im  gange  und  Lchwange,  es  ist  nicht  das
Lndc,  aber  der  Weg.  Ls  glühet  und  glänzet  nicht  alles,  es  feget  sich
aber  alles".  Uns  Menschen  treibt  aber  eine  solche  Lage  der
Dinge  dazu,  alle  Kraft  für  das  gute  und  Wahre  aufzubieten,  alle
Unklarheit  auszutreiben,  die  Dinge  nicht  gehen  zu  lassen,  wie  sie
gehen,  sondern  ihnen  ein  Keich  eines  schaffenden  Weltwillens  mit
feiner  Lwigkeit,  feiner  Unendlichkeit,  feinem  Beisichfelbstfein  entgegenzusetzen. ­
  Von  da  aus  müssen  sich  alle  grasten  und  Werte  wesentlich
verändern,  in  dieser  gedanken-  und  geisieswelt  werden  uns  auch
die  Zweifel  am  Bestehen  einer  geistigen  und  sittlichen  ördnung  bei
aller  Lchwierigkeit  nicht  ungerüstet  finden.
Vas  ganze  des  menschlichen  Lebens  trägt  vorwiegend  die
Signatur  des  Kampfes,  aber  der  Kampf  kann  verfchiedene  grade
haben;  es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dast  er  heute  eine  besondere
Höhe  und  Hpannung  erreicht  hat.  Wie  wir  früher  sahen,  vollzieht
sich  das  weltgeschichtliche  Leben  auf  seinen  Höhen  in  grasten
Zusammenhängen,  Lpntagmen,  wie  wir  sie  nannten;  nur
diese  Zusammenhänge  verleihen  ihm  einen  geistigen  Lharakter,
ohne  sie  zerfällt  es  in  lauter  einzelne  Bruchstücke,  solcher  Lebenszusammenhänge ­
  zeigt  bekanntlich  unser  westlicher  Kulturkreis  drei:
die  antike  Welt  mit  ihrer  Herrschaft  der  gestaltung,  die  christlichreligiöse
  mit  ihrer  Heelenvertiefung,  die  moderne  mit  ihrer  Kraftentwicklung; ­
  so  sind  3wrm,  gesinnung,  Kraft  die  Hauptzüge  der
Bewegung.  Die  gegenwärtige  Lage  aber  schwankt  haltlos  zwischen
fenen  verschiedenen  Lösungen,  sie  empfindet  stark  das  Bedürfnis
eines  neuen  Lebenszusammenhanges,  der  den  Wahrheitsgehalt
aller  früheren  Leistungen  in  sich  aufnehme  und  ihn  zugleich  einer
neuen  Höhe  zuführe;  aber  sie  findet  einstweilen  nicht  einen  sicheren
Weg  zum  Ziele.  Ls  ist  namentlich  das  Zufammenwirken  zweier
groster  Probleme,  deren  Zulammenstost  die  ganze  Menschheit
fieberhaft  bewegt  und  alles  Wohlergehen  zu  zerstören  droht.  Lin
erster  Stelle  fehlt  dem  modernen  Leben  feit  Jahrhunderten  ein
fester  Mittelpunkt  und  ein  genügender  Lebensinhalt,  gegenüber
der  zu  engen  und  gebundenen  mittelalterlichen  Llrt  erhob  sich  ein
gewaltiges  ötreben,  alle  Kräfte  zu  entwickeln  und  diefe  Lntwicklung
zur  Hauptaufgabe  zu  machen.  Über  so  Hervorragendes  in  diesem
Ltreben  geleistet  wurde,  ihm  fehlt  eine  innere  Linheit  und  damit
            
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