Full text : Lebenserinnerungen

Unser  den  daraus  erwachsenden,  immerfort  anschwellenden
Aufgaben  mußte  ich  mich  gewissenhaft  mit  der  Trage  befassen,  ob
es  nicht  meine  Pflicht  fei,  in  den  akademischen  Ruhestand  zu  treten
und  mich  ausschließlich  den  philosophischen  und  nationalen  Qufgaben
  zu  widmen.  Line  äußere  Nötigung  dazu  lag  nicht  vor;
meine  Vorlesungen  zeigten  kein  Linken,  das  letzte  Lemester,  in  dem
ich  las,  zeigte  die  höchste  Hörerzahl,  welche  ich  je  in  der  akademischen
Tätigkeit  erreichte.  Die  Lnlscheidung  fiel  mir  nicht  leicht.  Lie
forderte  nicht  nur  äußere  Opfer.  Ich  habe  überhaupt  die  akademische
Tätigkeit  sowohl  wegen  ihrer  unmittelbaren  Berührung  mit  der
aufstrebenden  Jugend  als  wegen  des  kollegialischen  Zusammenwirkens ­
  stets  als  ein  hohes  gut  betrachtet  und  habe  daraus  wertvollste ­
  Anregungen  geschöpft.  Über  die  literarische  llufgabe  und
die  Forderung,  alle  Kraft  an  die  Gesundung  unseres  schwer
erschütterten  Lebens  zu  fetzen,  mußte  den  Llusfchlag  geben.  3o
habe  ich  mich  entschlossen,  in  den  Nuhestand  zu  treten,  was  im
Qpril  IY2O  geschehen  ist.  Ich  hoffe,  auch  nach  meinem  amtlichen
Lcheiden  meine  alte  Universität  fördern  zu  können,  wenn  auch
nicht  unmittelbar,  so  doch  ideell.  Der  Universität  Jena,  der  ich
46  Jahre  angehörte,  bewahre  ich  das  dankbarste  llndenken.  Ls
war  für  mich  ein  glück,  daß  ich  nach  Jena  kam  und  dort  dauernd
blieb.  Das  grundelement  der  jenaischen  Luft  und  Llrt  ist  volle
geistige  Treiheit.  Mag  dieser  Vorzug  zunächst  negativ  erscheinen,
ich  mußte  darin  einen  positiven  gewinn  anerkennen,  daß  jeder
seine  besondere  Ort  auszubilden  vermag,  daß  man  sich  gegenseitig
keine  Hemmnisse  bereitet,  und  daß  man  jeder  ausgeprägten  und
tätigen  Individualität  Lchätzung  entgegenbringt.  Dazu  kam  die
große  Tradition,  die  jedem  einzelnen  hohe  Maße  vorhält,  endlich  —
und  das  besonders  —  die  wundervolle  Natur,  die  sich  eng  an  den
Menschen  anschmiegt.
Ich  kann  die  Hoffnung  und  den  Wunsch  nicht  unterdrüchen,
den  Universitäten  möge  es  gelingen,  die  gefahren  glücklich  zu  überwinden, ­
  die  in  der  gegenwart  liegen.  Zwiefache  gefahren  sind
unverkennbar;  einmal  die,  daß  die  Universität  sich  zu  sehr  in  eine
Tülle  einzelner  Tücher  auflöst,  und  daß  bei  solcher  Wendung  unser
Volk  die  ihm  unentbehrlichen  geistigen  Tührer  nicht  genügend  von
den  Universitäten  erhält;  sodann  aber  die,  daß  das  Bestreben,  möglichst ­
  viele  zum  akademischen  Ltudium  zu  führen,  den  Lharakter
einer  Torschungsanstalt  abschwächt*.  Je  mehr  die  Universitäten

*  Ich  möchte  dazu  eine  Stelle  aus  meinen  „geistigen  Strömungen"  (6.  Auflage, ­
  Seite  304/;)  anführen:  „Xßmn  die  Sozialtultur  nach  möglichster  gleichheit
  strebt,  fo  ist  genug  die  Llbstcht  der  Besten,  das  gefamtniveau  zu  heben,
möglichst  viele,  möglichst  alle  auf  die  Höhe  zu  führen,  ohne  diese  irgendwie  zu
            
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