Full text : Lebenserinnerungen

3n  jene  Zeit  fiel  auch  ein  Umschwung  im  literarischen  Leben:
der  geistlose  und  oberflächliche  posttivismus  hatte  seine  Nolle  ausgespielt, ­
  eine  stärkere  Wendung  der  Zeit  zum  Subjekt  war  augenscheinlich. ­
  Hatte  der  Realismus  seine  Welt  von  den  gegenständen
um  uns  her  aufgebaut,  so  hielt  sich  der  Subjektivismus  ganz  an
die  Zuständlichkeit  der  Leele,  an  das  freischwebende  gefühl.  Das
ergab  ein  völlig  entgegengesetztes  Leben:  dort  eine  Bewegung  von
austen  nach  innen,  hier  von  innen  nach  allsten,  dort  die  greifbare
Leistung,  hier  die  unfastbare  Stimmung,  dort  mehr  Festigkeit,
hier  mehr  Flüssigkeit,  dort  ein  Qrbeiten  für  die  gesellschast,  hier
ein  Sorgen  für  das  Befinden  des  Linzelnen,  dort  eine  Übschleifung
der  Unterschiede,  hier  eine  Hervorkehrung  des  Ligentümlichen,  dort
eine  Linfügung  in  die  Kette  der  Zeiten,  hier  eine  Lrgreifung  des  unmittelbaren ­
  Üugenblicks,  dort  eine  wissenschaftliche,  technische  und
soziale,  hier  eine  ästhetische  und  individuelle  Kultur,  ein  Überwiegen
des  künstlerischen  und  literarischen  Schaffens.  Dieses  Schaffen,  dessen
bedeutendster  Üusdruck  Nietzsche  war,  war  mir  in  manchen  Stücken
sympathisch,  aber  es  widersprach  meinem  metaphysischen  und
religionsphilosophischen  Streben;  die  fieberhafte  Üufregung  des
Subjekts  schien  mir  dem  Leben  keine  genügende  Tiefe  zu  geben
und  es  zu  wenig  auf  seine  Selbsitätigkeit  zu  stellen.  Nietzsche  selbst
hat  die  Schranken  jenes  Subjektivismus  vielfach  überschritten,  und
er  ist  trotz  der  Üblehnung  aller  Metaphysik  zum  Metaphysiker  der
freischwebenden  Stimmung  geworden.
Nach  Veröffentlichung  jener  Schriften  durfte  ich  erwarten,  auch
in  der  gelehrtenwelt  mehr  Beachtung  zu  finden,  um  so  mehr,  da
meine  akademischen  Vorlesungen  fortwährend  zahlreiche  Hörer  und
Schüler  fanden.  Tatsächlich  ist  damals  die  deutsche  gelehrtenwelt
an  meinen  Bestrebungen  mit  voller  gleichgültigkeit  vorbeigegangen,
und  es  war  unverkennbar,  dast  die  akademischen  Kreise  meine
Tätigkeit  als  für  die  Wissenschaft  wertlos  betrachteten.  3n  jener
Zeit  waren  zahlreiche  Verschiebungen  in  den  Universitäten  eingetreten, ­
  aber  ich  habe  nie  eine  Berufung  an  eine  graste  Universität
erhalten.  Ls  dauerte  lange,  bis  überhaupt  eine  weitere  Berufung  an
mich  kam.  3m3ahrei8y6  habe  ich  einen  liebenswürdigen  Nufnach
Treiburg  durch  die  badische  Negierung  erhalten,  aber  ich  konnte
trotz  der  Neize  jenes  Ortes  mich  nicht  entschliesten,  3ena  zu  verlassen,
in  das  ich  mich  eingelebt  hatte,  wo  meine  Kinder  prächtig  gediehen,
wo  ich  auch  bei  den  Studenten  eine  schöne  Wirksamkeit  fand.  —
Willkommene  Unterbrechungen  brachten  uns  zwei  Neisen  nach
3talien,  die  erste  1890  nach  Venedig  und  Tlorenz,  das  wir  beide
besonders  lieben,  die  zweite  nach  Nom,  das  unvergestlicheLindrücke
und  bleibende  Qnregungen  gab;  es  fehlt  dem  Leben  etwas,  das
keine  Tühlung  mit  Nom  gewinnt.
            
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