Full text : Geld-, Bank- und Börsenwesen

in  noch  höherem  Maße  preisverteuernd  wirken.  Nur  gleichzeitige  Festsetzung ­
  staatlicher  Höchstpreise  und  Aufgabe  der  Verkehrsfreiheit  (Rationierung)
  können  bei  Inflation  den  Geldwert  stützen.
In  einer  solchen  Geldentwertungsperiode  befanden  wir  uns  bis  zum
Herbst  1923.  Die  Ursachen  lagen  auf  der  Waren-  wie  auf  der  Geldseite:
Warenknappheit  (verminderte  Gütererzeugung  dadurch,  daß  10  Millionen
Männer  zum  Kriegsdienst  eingezogen  worden  sind,  daß  Gegenstände  des
Kriegsbedarfs  der  Erzeugung  anderer  Güter  vorangingen,  daß  Ackerland
nicht  aufgefrischt,  Maschinen  nicht  repariert  wurden  usw.)  und  Aufblähung ­
  des  Notenumlaufs  (Inflation)  wirkten  zusammen.  Durch
dauernde  Ausgabe  neuer  Zahlungsmittel,  die  nicht  mehr  durch  Gold  und
Kaufmannswechsel,  sondern  durch  Darlehnskassenschcine  und  Reichsschatzwechsel ­
  gedeckt  waren,  entstand  künstliche  (zusätzliche)  Kaufkraft.  Je
mehr  die  Produktion  —  erst  durch  den  Krieg,  dann  durch  die  Folgen  des
Friedens  von  Versailles  —  durch  Beschlagnahme  bzw.  Wegnahme  der
wichtigsten  Rohstoffe  sich  minderte,  und  je  mehr  durch  Schieber-  und
Wuchergewinne,  sowie  durch  Erhöhung  der  Löhne  und  Gehälter  der  Geldbedarf ­
  gesteigert  wurde,  desto  größer  wurde  die  Teuerung.
Wie  die  Kaufkraft  des  Geldes  im  I  n  l  a  n  d  e  (Binnenwert),  so  sank
auch  die  Kaufkraft  der  deutschen  Mark  im  A  u  s  l  a  n  d  e  (Außenwert,
Valuta  entwertung).  Ursachen  hierfür  waren  neben  der  Inflation:  die
erhöhte  Einfuhr  von  Lebensmitteln  und  Rohstoffen,  denen  keine  entsprechende ­
  Ausfuhr  gegenüberstand,  weiter  das  Zusammenschrumpfen  der
bisherigen  Aktivposten  unserer  Zahlungsbilanz  (Zinseinnahmen  ans  ausländischen ­
  Wertpapieren,  Schiffsfrachten  usw.),  das  Riesenangebot  von
Marknoten  im  Auslande  —  verursacht  durch  die  Kapitalflucht  und
illegale  Ankäufe  (insbesondere  von  Luxusgegenständen,  Zigaretten,  Süßigkeitm
  usw.)  —,  weiter  das  geringe  Vertrauen  des  Auslandes  zur  deutschen
Arbeitskraft  (Streiks,  Putsche),  und  endlich  der  unorganisierte  Devisenhandel,
  der  das  Hamstern  von  ausländischen  Noten  und  Devisen  sehr
erleichterte  Z.
Die  Verminderung  des  Geldwertes  ist  von  großer  Bedeutung  für  die
Volkswirtschaft  wie  für  den  einzelnen.  Große  Verschiebungen  der  ökonomischen ­
  und  sozialen  Klassenlage  hat  sie  zur  Folge  gehabt.  Am  meisten
i)  S.  hierüber  auch  meine  „Volkswirtschaftslehre",  3.  Ausl.,  Stuttgart  1924.
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