642
„Freiheit vom Worte“,
der notwendigen, unentrinnbaren Einseitigkeit seines Faches sagt, ist
dann so gesagt, um unmittelbar einen lebendigen Widerhall zu finden
in all den vielerlei Wissenschaften, die sich gemeinsam um den gleichen
Vorwurf mühen. Gewiß wickelt der Nationalökonom die Zusammen
hänge dieser Welt des Lebens stets einseitig auf — Einseitigkeit ist
ja von Wissenschaft gar nicht zu trennen! Allein eben so, daß sich
die einseitig aufgerollten wie von selber verknüpfen mit jenen Zu
sammenhängen, die wieder innerhalb der anderen Erkenntnisgebiete
entwirrt werden, nämlich in den übrigen Fachwissenschaften. Woraus
dann allmählich, von vielen Seiten her, immer dichter, immer eng
maschiger, immer fester umschnürend, jenes geistige Netz sich ge-
gestaltet, das von unserem, stets nur im Zusammenhang sich aus
lebenden Denken listig der Wirklichkeit übergeworfen wird, im Sinne
einer Erkenntnis, die ihres Stoffes wahrhaft Herr ist. Nur der rechte
Zusammenhang im Vorgehen aller verbürgt diesen letzten, höchsten
Erfolg. Niemals könnte dies ein hölzernes Nebeneinander tun, von
stets wieder anders ausartenden Verschrobenheiten im Schema der
geistigen Bewältigung des Stoffes. Welcher Stoff aber fordert mehr
zur Einheitlichkeit seiner Bewältigung heraus als der, der doch selber
von so majestätischer Einheit ist, durch den Allzusammenhang des Er
lebten!
Wieviel unserer Theorie bisher entgangen ist, als bloßer „Güter
lehre“, läßt gerade auch die Behandlung des Wirtschaftslebens in
Max Webers Soziologie gut ermessen. Im Rahmen des ganzen Zu
sammenlebens wird hier an die Wirtschaft mit einer viel einfacheren
Problemstellung herangegangen, als es in der Nationalökonomie der
Fall sein müßte. Denn gerade für den Teil der Wirtschaft ist vor
waltend nur Systematische Soziologie am Werke, trotz der räumlichen
Verteilung der „Wirtschaftssoziologie“ auf beide Teile des Ver
mächtnisses; auch im zweiten Teil setzt Analytische Soziologie gleich
sam erst nur an. Für die eigentümliche Wandlung seiner Erkenntnis
ziele ist es ja bezeichnend, daß Max Weber die soziologische Analysis
zwar gegenüber Religion, Recht, Kunst so wundervoll handhabt, während
er die Wirtschaft, trotzdem dort überall von der Beziehung auf sie
ausgegangen war, als solche doch vergleichsweise vernachlässigt; und
doch bleiben auch alle ihre besonderen Gestaltungen, sofern man sie
einseitig als „Gemeinschaft“ sieht, nicht minder dieser Analyse unter
worfen 1
Aber so einfach die Behandlung des Stoffes ausfällt, als „empirisch
und „formal“ von Max Weber selbst gekennzeichnet, trotzdem al s °
da alles auf reine Klassifikation, auf „Begriffskataloge“ hinauszutreibe»