Full text: Kapitalismus und Sozialismus

Freiheit oder Gleichheit? 
123 
Zwischen Individualismus und Sozialismus angelangt. Denn, wie 
bereits angedeutet wurde: Nlles, was uns an der heutigen Wirt 
schaftsordnung mißfällt, wie die Unsicherheit der wirtschaftlichen 
Existenz des Urbeiters, die nicht selten fehlende Übereinstimmung 
Zwischen der Höhe des Lohnes für eine Urbeit und der Mühe, die sie 
verursacht, das zeitweilige empfindliche Zurückbleiben des Ungebots 
hinter der Nachfrage auf manchen Gebieten, alle diese Mißstände 
der heutigen Wirtschaftsordnung, aus denen man gern ebensoviel 
Nnklagepunkte gegen sie macht, sind in letzter Linie nur Folgeerschei 
nungen der weitgehenden wirtschaftlichen Freiheitsrechte, welche die 
bestehende Wirtschaftsordnung ihren Mitgliedern gewährt, und sie 
lassen sich nur beseitigen, wenn man auch diese Freiheitsrechte auf 
hebt. Der Streit zwischen Individualismus und Sozialismus spitzt 
sich also schließlich notwendig auf die Frage zu: was ist vorzu 
ziehen, eine Wirtschaftsordnung, welche allen die 
größtmögliche Bewegungsfreiheit gewährt, oder eine 
Wirtschaftsordnung, die allen ihre wirtschaftliche Exi 
stenz von Staatswegen garantiert und eine mehr oder 
weniger vollkommene ökonomische Gleichheit zwischen 
ihnen herstellt? Venn die Lage der Dinge ist h'er eben die: Zwei 
Ideale schweben den meisten Menschen vor, die sie in der Gesellschafts 
ordnung verwirklicht sehen möchten, das Ideal der Freiheit und das 
Ideal der Existenzsicherheit und Gleichheit. Die Natur der Dinge hat 
es nun aber so eingerichtet, daß man beide Ideale nicht zusammen in 
einer und derselben Gesellschaftsordnung erreichen kann, sondern nur 
das eine auf Kosten des anderen. Man kann das größte Maß von 
wirtschaftlicher Freiheit nur dann erreichen in der Wirtschaftsord 
nung, wenn man dafür eine weitgehende Ungleichheit der Einkom 
mens- und Vermögensverhältnisse in Kauf nimmt. Ebenso aber kann 
Man auf der anderen Seite annähernde ökonomische Gleichheit und 
Sicherung der Existenz aller in einer Gesellschaft nur verwirklichen, 
wenn man dafür die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit des einzelnen 
Zu opfern bereit ist. Gder, wie Goethe schon kurz und bündig es
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.