Full text : Kapitalismus und Sozialismus

Freiheit  oder  Gleichheit?

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Zwischen  Individualismus  und  Sozialismus  angelangt.  Denn,  wie
bereits  angedeutet  wurde:  Nlles,  was  uns  an  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  mißfällt,  wie  die  Unsicherheit  der  wirtschaftlichen
Existenz  des  Urbeiters,  die  nicht  selten  fehlende  Übereinstimmung
Zwischen  der  Höhe  des  Lohnes  für  eine  Urbeit  und  der  Mühe,  die  sie
verursacht,  das  zeitweilige  empfindliche  Zurückbleiben  des  Ungebots
hinter  der  Nachfrage  auf  manchen  Gebieten,  alle  diese  Mißstände
der  heutigen  Wirtschaftsordnung,  aus  denen  man  gern  ebensoviel
Nnklagepunkte  gegen  sie  macht,  sind  in  letzter  Linie  nur  Folgeerscheinungen ­
  der  weitgehenden  wirtschaftlichen  Freiheitsrechte,  welche  die
bestehende  Wirtschaftsordnung  ihren  Mitgliedern  gewährt,  und  sie
lassen  sich  nur  beseitigen,  wenn  man  auch  diese  Freiheitsrechte  aufhebt. ­
  Der  Streit  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus  spitzt
sich  also  schließlich  notwendig  auf  die  Frage  zu:  was  ist  vorzuziehen, ­
  eine  Wirtschaftsordnung,  welche  allen  die
größtmögliche  Bewegungsfreiheit  gewährt,  oder  eine
Wirtschaftsordnung,  die  allen  ihre  wirtschaftliche  Existenz ­
  von  Staatswegen  garantiert  und  eine  mehr  oder
weniger  vollkommene  ökonomische  Gleichheit  zwischen
ihnen  herstellt?  Venn  die  Lage  der  Dinge  ist  h'er  eben  die:  Zwei
Ideale  schweben  den  meisten  Menschen  vor,  die  sie  in  der  Gesellschaftsordnung ­
  verwirklicht  sehen  möchten,  das  Ideal  der  Freiheit  und  das
Ideal  der  Existenzsicherheit  und  Gleichheit.  Die  Natur  der  Dinge  hat
es  nun  aber  so  eingerichtet,  daß  man  beide  Ideale  nicht  zusammen  in
einer  und  derselben  Gesellschaftsordnung  erreichen  kann,  sondern  nur
das  eine  auf  Kosten  des  anderen.  Man  kann  das  größte  Maß  von
wirtschaftlicher  Freiheit  nur  dann  erreichen  in  der  Wirtschaftsordnung, ­
  wenn  man  dafür  eine  weitgehende  Ungleichheit  der  Einkommens- ­
  und  Vermögensverhältnisse  in  Kauf  nimmt.  Ebenso  aber  kann
Man  auf  der  anderen  Seite  annähernde  ökonomische  Gleichheit  und
Sicherung  der  Existenz  aller  in  einer  Gesellschaft  nur  verwirklichen,
wenn  man  dafür  die  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit  des  einzelnen
Zu  opfern  bereit  ist.  Gder,  wie  Goethe  schon  kurz  und  bündig  es
            
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