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Schlußergebnisse
zur Verwirklichung des sozialistischen Ideals selbst dagegen können
die Menschheit nur in die tiefste Verwirrung stürzen und um Jahr
zehnte, wenn nicht Jahrhunderte in ihrer Entwicklung zurückwer
fen. Der Sozialismus jagt einem Phantom sozialer Gerechtigkeit
nach, dessen Durchführung nur möglich ist, wenn man nach dem
Grundsätze handeln will: fiat justitia, pereat mundus. 43 ) Ein großer
Teil der Mehrheiissozialisten hat dies auch selbst schon längst er
kannt. Fritz Gerl ich gibt die innere Stimmung auch in weiten
Kreisen des Mehrheitssozialismus sicher richtig wieder, wenn er
in den Süddeutschen Monatsheften schreibt: „Die Mehrheitssozia
listen fühlen heute bereits deutlich, daß der marxistische Lhiliasmus
in seiner Konsequenz die menschliche Kultur und damit auch all das
vernichtet, was sie für die deutsche Arbeiterschaft in fünfzigjährigem
Ringen geschaffen haben. Sie erkennen in den konsequenten Marxi
sten die Todfeinde des Arbeiterglücks... Deshalb kann es nur heißen:
Marxismus oder Kultur. Siegt der Marxismus, so geht die mensch- L
liche Kultur zugrunde und wir mit ihr." -
Mas große Teile des deutschen Volkes immer noch verhindert, zu 1
dieser Einsicht zu kommen, das ist der Einfluß fanatischer Doktrinäre.
Wahrlich, es gibt nichts, das so verhängnisvoll für die menschliche
Gesellschaft ist, wie ein guter Wille, der in seinen Zielen irrt I Wie
recht hat doch der Abbe Galiani mit den Worten, mit denen er
schon vor mehr als einem Jahrhundert die Gefahren gekennzeichnet
hach die von dieser Seite dem Fortschritt der Gesellschaft drohen!
Sie passen ebensogut noch auf die Doktrinäre der russischen und der
43) Tin gutes Beispiel für diese doktrinäre Denkweise gibt KarlUötzel
in der Schrift „Tinsührung in den Sozialismus ohne Dogma" (München
1919). Da wird u. a. auch folgender Grundsatz verkündet: „Ls soll zugegeben
werden, daß zwar die Verwirklichungsmöglichkeit des Kollektivismus nicht
zu beweisen ist, daß aber auch seine Undurchsührbarkeit bloß dogmatisch be
hauptet werden kann. Zweifellos aber besteht völlig unabhängig davon,
ob der Kollektivismus sein wird oder nicht, die Frage, ob er sein soll. Und
das muß bejaht werden von jedem, der auf dem Boden europäischer Sitt
lichkeit steht". (S. 73.)