Full text : Kapitalismus und Sozialismus

14  1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung
den,  in  welchem  Berufe,  an  welchem  tvrte,  in  welchem  Betriebe  er
eine  Arbeitsstelle  annehmen  und  wie  lange  er  in  ihr  bleiben  will,
wie  überhaupt  niemand  rechtlich  zur  Arbeit  gezwungen  ist,  so  steht
es  jedem  auch  frei,  auf  welchem  Gebiete  er  sich  mit  seiner  Arbeitskraft ­
  sowie  auch  seinem  etwaigen  Besitz  an  Sachgütern  an  der  Produktion ­
  beteiligen  will.  Es  herrscht  eine  weitgehende  Arbeits-  und
Rnternehmungsfreiheit.  wie  empfindlich  die  Bevölkerung  gegen  Beschränkungen ­
  ihrer  Bewegungsfreiheit  gerade  auf  diesem  Gebiete
reagiert,  das  ließ  die  Unbeliebtheit  deutlich  erkennen,  der  die  Bestimmungen ­
  des  Hilfsdienstpflichtgesetzes  mit  ihren  Beschränkungen
der  Freiheit  des  Stellenwechsels  in  der  deutschen  Arbeiterschaft
sehr  bald  begegneten.  Ls  gehörte  darum  mit  zu  den  ersten  Handlungen ­
  der  neuen  Regierung  nach  der  Revolution,  daß  sie,  den
Wünschen  der  Arbeitermassen  entsprechend,  das  Hilfsdienstgesetz  wieder ­
  aufhob.
Unternehmungs-  und  Arbeitsfrsiheit  sowie  Freiheit  des  Ronfums
bedingen  sich  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  gegenseitig,  wenn
der  Ronsum  nicht  durch  staatliche  Vorschriften,  sondern  nur  durch
das  indirekte  Wittel  der  Preisbildung  geregelt  wird,  im  übrigen
aber  völlig  frei  nach  jeder  Richtung  sich  entwickeln  kann,  so  ist
unbedingtes  Erfordernis,  daß  zugleich  auch  Produktions-  und  Arbeitsfreiheit ­
  herrschen.  Sonst  besitzt  die  Produktion  nicht  die  Möglichkeit, ­
  der  Entwicklung  des  Ronfums  sich  rasch  anpassen  zu  können.
wann  ist  nun  die  Wirtschaftsordnung  mit  wirtschaftlicher  Selbstverantwortlichkeit ­
  der  einzelnen,  Privateigentum,  Ronsum-  und  Produktionsfreiheit ­
  eigentlich  historisch  entstanden?  Diese  Wirtschaftsordnung ­
  wird  mit  einer  gewissen  Vorliebe  auch  als  das  Wirtschaftssystem ­
  der  freien  Ronkurrenz  bezeichnet,  weil  aber  eine  von  den
Schranken  des  Zunftwesens  völlig  befreite  Ronkurrenz  in  den  meisten ­
  Ländern  erst  im  Gefolge  der  großen  Französischen  Revolution
zur  Herrschaft  gelangt  ist,  wird  durch  diese  Bezeichnung  leicht  die
falsche  Vorstellung  erweckt,  wie  wenn  überhaupt  die  individualistische
Wirtschaftsordnung  eine  verhältnismäßig  noch  junge  Schöpfung  sei.
            
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