Full text: Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

93 
zu teil geworden ist. In Deutschland hat in den neunziger Jahren auch 
die letzte Stadt über 5000 Einwohner eine Bahn erhalten, und heute 
gibt es nur noch sehr wenige kleine und kleinste Städte ohne Bahn 
verbindung 1 ). Ganz anders in Rußland. Statistische Feststellungen 
dieser Art stoßen aber auf große Schwierigkeiten. Wir haben heute 
noch keine einigermaßen befriedigende Statistik der russischen Städte. 
Die Irreführung ist namentlich auf diesem Gebiete groß, seltsamerweise 
aber derart, daß das Siedlungswesen ungünstiger erscheint, als es tat 
sächlich ist. Es ist heute beinahe nur möglich, den Fortgang der Be 
völkerungsbewegung in den Großstädten und den großen Mittelstädten 
zu verfolgen. Schon bei den Mittelstädten unter 50 000 Einwohner 
setzen Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten ein, die sich bei den kleinen 
Städten noch bedeutend steigern. Die russischen Zählungen unter 
stützen unrichtige Auffassungen, indem sie nicht immer neugewonnenes 
Material mitteilen, sondern teilweise das früherer Zählungen einfach 
übernehmen. Man benutzt heute noch aushilfsweise für die kleineren 
Städte Statistiken aus den siebziger Jahren 2 ). Es kommt aber auch 
vor, daß die Einwohnerzahl mancher Städte sogar noch kleiner ist, als 
die auf Grund dieser Zählungen gewonnene, so daß man sich hier augen 
scheinlich auf noch ältere Zählungen stützt. Es wäre ja auch ein Irrtum, 
wenn man aus diesen Angaben etwa auf eine Abnahme der Einwohner 
zahl schließen wollte, da sich doch im eigentlichen Rußland von 1870 
bis 1910 die Bevölkerung fast verdoppelt hat, und wenn auch in einigen 
Provinzen des Zentrums die Zunahme eine geringere ist, so ist doch nur 
in den drei Ostseeprovinzen die Vermehrung tatsächlich klein geblieben, 
und hier allein scheint, sicherlich in Livland, die Vergrößerung der Städte 
auch auf Kosten des platten Landes vor sich zu gehen. Bemerkenswert 
ist aber, daß in den anderen westlichen Provinzen (Minsk, Wolynien) 
und in verschiedenen polnischen Gouvernements, die man im Gegensatz 
zu den Provinzen des Südens, des Nordens und der Wolga nicht als 
koloniales Neuland bezeichnen kann und die ähnlich wie die Ostsee 
provinzen ein altes Städtewesen ihr eigen nennen, die Einwohnerzahl 
sich mehr als verdoppelt hat. Und gerade in diesen westlichen Provinzen, 
hier freilich nicht allein, müßte nach den Statistiken das Städtewesen 
stagnieren oder gar einen Rückgang erlitten haben. Es soll freilich 
nicht geleugnet werden, daß in diesen von den Eisenbahnen beispiellos 
vernachlässigten Provinzen auch das Städtewesen leidet. Die großen 
teils von Juden bewohnten Landstädte dürften bei ihrer Abgelegenheit 
einen langsameren Fortschritt nehmen, als die der anderen Teile Ruß 
lands. Daß aber eine, wenn auch geringe Entwickelung in den meisten 
l ) In Rheinland, Westfalen und Hessen-Nassau gibt es keine Stadt mehr 
ohne Bahnverbindung. 
-) Solche Statistiken finden sieh in Petermanns geogr. Mitteil., Ergh. 55 
und Ergh. 09.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.