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Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Dietzel hat darauf hingewiesen, welch große Rolle für die
Entfaltung dieser Wirtschaftsordnung die ganzen Errungenschaften
der liberalen Ära gespielt haben und daß dadurch erst mittelbar
das starke Volkswachstum möglich geworden ist. „Ohne die Freiheit
betreffs Betriebsumfang und Betriebsform, Freizügigkeit und Frei-
handel, Vertragsfreiheit und ohne die Entfesselung der Produktiv-
kräfte, welche das Konkurrenzprinzip auswirkte, wäre die Menschenflut
nicht gekommen“ ?). Dietzel hat auch in dem gleichen Zusammen-
hang gesagt, daß für die seit Anfang des 19. Jahrhunderts so stark
einsetzende Kapitalakkumulation, die eine wesentliche Voraussetzung
steigenden Nahrungsspielraumes ist, die neue soziale Ordnung die
Voraussetzung gebildet habe.
Wenn auch über die historische Seite dieses Zusammenhanges,
über die Tatsache der großen Bedeutung des herrschenden Wirt-
schaftssystems für die bisherige Entwicklung und Ausgestaltung des
Nahrungsspielraumes keine ernsthaften Meinungsverschiedenheiten auf-
kommen können, so hat man doch demgegenüber schon den Ver-
such gemacht, die Geltung dieses Zusammenhangs für die weitere
Entwicklung in Abrede zu stellen. Hierbei handelt es sich um ein
ganz anderes Problem. So ist Pieper in dem genannten. Buche
der Meinung, daß wir uns auch ohne den heutigen Erwerbsgeist
den ökonomischen Rationalismus in der Produktion erhalten können
und Jostock hat gemeint, es sei ein großer Fehlschluß anzunehmen,
daß die rationalistische arbeitsteilige Industriewirtschaft, weil sie kapi-
talistisch entstanden sei, auch nur kapitalistisch fortgeführt werden
könne 2).
Wir kommen damit zu der für diesen Zusammenhang entschei-
denden Frage nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines ge-
meinwirtschaftlichen oder sozialistischen Wirtschaftssystems, bei dem
der Erwerbsgedanke als leitende Kraft der Produktion ausgeschaltet
ist. Es kommt nicht darauf an, auf alle die verschiedenen Abarten,
die dabei denkbar sind, einzugehen; denn dem vorliegenden Problem
gegenüber kann nur eine Wirtschaft in Frage kommen, die so ein-
gerichtet ist, daß das Wirtschaftsleben in irgendeiner Weise von
einer zentralen Stelle aus organisiert und verwaltet wird; dabei wird
es das Ziel sein, die technischen und. wirtschaftlichen Errungen-
schaften der kapitalistischen Wirtschaftsordnung beizubehalten und
sie noch systematisch und nach einem ganz bestimmten Plane aus-
1) Technischer Fortschritt u, Freiheit d. Wirtschaft, 1922, 5. 45-
2) Der Ausgang d. Kapitalismus, 1928, S. 238.