Full text : Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

beschlossen,  nicht  nur  das  linksseitige  Weichselgebiet,  sondern  auch
den  Festungsgürtel  preiszugeben.  Für  die  Konzentration  russischer
Truppenmassen  wurde  die  Grundlinie  gewählt,  die  sich  gegen  die  deutsche
und  österreichisch-ungarische  Offensive  halten  würde.  Die  meisten
der  vorgeschobenen  Festungen  wurden  deklassiert  und  als  halbpermanent
erklärt 1 ).  Die  Räumungsbeschlüsse  scheinen  aber  keine  dauernden
gewesen  zu  sein.  Denn  schon  im  folgenden  Jahre  scheint  Sucho  mlino  w
offenbar  französischen  Machenschaften  nachgegeben  zu  haben,  die
den  Ausbau  der  russischen  Westfront  forderten.
Ganz  neuerdings  konnte  man  nämlich  unzweifelhaft  auf  das  Drängen
ausländischen  Einflusses  hin  eine  Änderung  des  russischen  Kurses  in  der
Beobachtung  seiner  militärischen  Absichten  feststellen 2 ).  Schon  1911
wurde  der  Bau  einer  Bahn  von  Lowitsch  über  Kolo—Konin—Slupzy  nach
Stralkowo  genehmigt;  wodurch  eine  direkte  Verbindung  von  Warschau
nach  Posen  (Berlin)  geschaffen  würde.  Das  linksseitige  Weichselland,
namentlich  die  Provinz  Kalisch,  sollte  also  endlich  eine  weitere  Bahn
erhalten.  Nicht  in  allen  politischen  Kreisen  war  man  ja  mit  den  Maßnahmen ­
  Rußlands  einverstanden.  Das  kam  nicht  zum  ersten  Male,
aber  am  nachdrücklichsten  beim  Besuch  des  Ministerpräsidenten  Kokowtzow
  zu  Anfang  November  1913  in  Paris  bei  der  Frage  einer  neuen
Eisenbahnanleihe  zum  Ausdruck.  Man  hob  in  Paris  hervor,  daß  man
erwartet  hätte,  daß  Rußland  in  seinen  polnischen  Landesteilen  sein  Bahnnetz ­
  tatkräftiger  ausgebaut  hätte,  in  erster  Linie  natürlich  zu  offensiven
Zwecken.  Die  Aufnahme  einer  neuen  Anleihe  machte  man  von  dem
Bau  strategischer  Bahnen  abhängig.  Sollen  doch  die  Arbeiten  der
letzten  zehn  Jahre,  wie  gewisse  französische  Kreise  betonten,  für  Linien
verausgabt  worden  sein,  die  nichts  mit  der  Wehrkraft  Rußlands  im  Fall
eines  Krieges  mit  Deutschland  zu  tun  haben.  So  aber,  folgerte  die
chauvinistische  Presse,  hat  das  Bündnis  Frankreichs  mit  Rußland  nur
geringen  Wert.  Die  russischen  militärischen  Anschauungen,  die  in  der
Defensive,  nicht  mit  Unrecht,  ihre  Stärke  sahen,  sollten  somit  in  wesentlichen ­
  Dingen  eine  Änderung  erfahren.
x )  Bezeichnend  ist,  daß  u.  a.  das  russische  Militärblatt  „Russkij  Invalid“,
ferner  die  „Times“  Ende  Juli  1915  von  dieser  Auflassung  sprachen,  als  man  auch
an  amtlicher  Stelle  mit  der  Räumung  des  Festungsrayons  rechnete,  den  man
nunmehr  eine  vorgeschobene  Stellung  nannte.  Während  man  in  den  verflossenen
Kriegsmonaten  die  Bedeutung  der  Weichselstützpunkte  sicherlich  nicht  verkleinert
hatte,  tröstete  man  sich  mit  den  früher  stattgefundenen  Räumungsbeschlüssen
und  mit  dem  Hinweis  auf  die  neue,  besonders  starke  natürliche  Defensivstellung.
Charakteristisch  ist  ja  auch,  daß  man  russischerseits  die  deutsche  Siegesmeldung
von  dem  Fall  der  befestigten  russischen  Plätze  Pultusk  und  Roshan  dahin  „richtigstellte“, ­
  daß  die  eroberten  Orte  niemals  befestigte  Punkte  gewesen  wären.
2 )  Ein  deutsches  Blatt,  der  „St.  Petersburger  Herold“,  berichtete  übrigens
im  September  1907  über  die  Anwesenheit  des  englischen  Generals  French  in  Rußland, ­
  der  schon  damals  eine  „Reorganisation  des  russischen  Eisenbahnwesens  im
Aufmarschgelände  und  eine  Verstärkung  des  Festungswesens“  beantragt  haben  soll.
            
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