Full text: Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

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seit Ende Juli in der groß angelegten Offensive in Litauen und Samogitien 
die deutschen Truppen sich der Bahn Dwinsk—Wilna näherten und 
von Norden her über Wilkomir der Marsch auf Wilna, auf dessen Be 
sitz schon Napoleon I. großen Wert legte, zu erwarten war, so lag 
die Gefahr nahe, daß auch die große Hauptbahn an wichtigen Stellen 
den Russen entrissen würde. Trotzdem war die Bahnstrecke bis zur 
Einnahme von Warschau (am 5. August 1915) im festen Besitz der 
Russen, so daß sich der Abzug der Truppen glatt vollziehen konnte. 
Auch die Besetzung des Knotenpunktes Malkin (am 10. August) trat 
erst ein, als die Besatzungen aus den Narewfestungen bereits rückwärts 
gezogen waren, so daß die Strecke Warschau—Malkin für die Russen 
keinen erheblichen Wert mehr hatte. Falls der Betrieb der Warschau- 
Petersburger Bahn an anderen, nicht zusammenhängenden Stellen für 
die Russen gestört wird, so steht ihnen immer noch die in Sjedlez von der 
Terespoler Bahn abzweigende Linie nach Bologoje zur Verfügung, eine 
durch mehrere Quertrassen mit der Hauptlinie verbundene, militärisch 
sehr wichtige Strecke, die den Russen bei der Mobilisation des Nord 
westens sicherlich ganz hervorragende Dienste geleistet hat 1 ). — 
Unter den militärpolitischen Maßnahmen litt natürlich Polen sehr. 
Ein wirtschaftlich entwickeltes Gebiet, das im Südwesten die größte 
industrielle Entfaltung in Rußland zeitigt, dazu sehr, dicht besiedelt ist, 
Der großartige Umfassungsversuch des Generals von Eichhorn im September 
1915 führte zunächst zum Angriff auf die Bahn Wilna—Dwinsk, die an mehreren 
Stellen, u. a. in Nowo Swenziany erreicht wurde (12./13. September), und dann 
am 17. September wider Erwarten zur Ergreifung des Knotenpunktes Molodetschno 
an der strategischen Bahn, durch die der Fall Wilnas unvermeidlich war. Dieser 
führte aber auch zur Besitznahme der Bahn Wilna—Rowno über Lida hinaus und 
zur Konzentrierung des deutschen Angriffes zu Ende des Monats auf Barano- 
witschi (genommen 28. September). Seitdem die Bahn Wilna—Rowno nicht mehr 
in völligem Besitz der Russen ist, ist die letzte wichtige strategische Linie im Rücken 
des vorderen Kriegstheaters in die Hände der Verbündeten übergegangen. Denn 
östlich dieser Strecke machen sich die Lücken namentlich in der Linienführung 
von Nord nach Süd sehr fühlbar, und für die flotte Neukonzentrierung und den 
neuen Aufmarsch fehlen die nötigen Bahnen: auch ein Zeichen, daß die Russen 
offenbar mit einem Rückzug hinter die zweite Festungslinie kaum gerechnet hatten. 
Wie sich überhaupt in diesem Kriege die Unterlassungen der Verwaltung hinsicht 
lich des Ausbaues der Eisenbahnen gerade in Gebieten rächen, die an und für sich 
für die Kriegführung weniger in Betracht kommen und daher kaum strategisch 
genannt werden können, so muß jetzt auch der Aufschub der Bahn Shlobin—Kiew 
besonders schmerzlich bemerkt werden. Gehört doch auch die Bahn Petersburg— 
Witebsk—Shlobin, auf der im wesentlichen seit September die Verbindung der 
Hauptstadt mit den meisten Abschnitten der Front ruht, durchaus nicht zu den 
leistungsfähigsten Linien. Möglich wäre es freilich, daß die Russen noch während 
des Krieges den zweigeleisigen Ausbau der Bahn betrieben, vielleicht auch, daß 
sie unter Zuhilfenahme der kurzen Strecke Wassiljewitschi—Choiniki die Linie 
Shlobin—Kiew anlegten oder den bereits geplanten Bahnbau von Shlobin über 
Mosyr nach Korosten an der Linie Sarny—Kiew und über diese hinaus nach Sche- 
petowka an der Bahn Rowno—Kasatin ausführten (vgl. S. 51).
	        
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