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Die Menschen im Betrieb.
(Hierarchie und Disziplin). Sie ergeben sich beide mit der Vergrößerung der
Betriebe aus zwingenden organisatorischen Gründen (Hauptteil C); die Schwie
rigkeiten und Unzuträglichkeiten liegen jedoch darin, daß diese Rangstufung und
das genaue Verhalten gemäß den gegebenen Anordnungen, wie es jeder Betrieb
verlangt, häufig im Widerspruch stehen mit dem Willen der ihnen unterworfenen
Menschen. Es muß also versucht werden, einen Ausgleich zu schaffen zwischen den
betrieblichen und den menschlichen Erfordernissen, was letzlich nur durch beider
seitige Einsicht — der Leitung und der übrigen Betriebsangehörigen — geschehen
kann, gleichzeitig aber auch eine dem Menschen würdige Personalverfassung des
Betriebes voraussetzt.
Es handelt sich bei den Fragen der betrieblichen Personalverfassung um die
Gestaltung der äußeren Vorbedingungen, unter denen die Einordnung der Vielzahl
von Menschen vor sich gehen soll sowie um die Betriebsatmosphäre und den Um
gangston, die im Betriebe herrschen. Gerade das letztere kann selbst sonst unge
eignete menschliche Vorbedingungen erträglich machen (wie ja die Sklavenherr
schaft oft wesentlich menschlicher gehandhabt wurde als etwa die patriarcha
lische Form, bei der das enge Verhältnis nicht selten — zwar allzumenschlich —
unmenschlich war), während in Betrieben, deren äußere Personalverfassung im
ganzen durchaus angemessen ist, durch die Kälte der Betriebsatmosphäre oder
einen falschen Umgangston unerträgliche menschliche Spannungen vorhanden
sein können.
3. Die Betriebsatmosphäre. Es soll zunächst versucht werden, die Grundlagen
der Betriebsatmosphäre zu klären. Sie ist gut, wenn die äußeren und inneren Be
dingungen der betrieblichen Arbeit in Einklang stehen mit den allgemein bei den
Betriebsangehörigen vorherrschenden Vorstellungen und Zielen ihrer Tätigkeit
oder ihres Daseins überhaupt, wobei es natürlich eine weitere Frage ist, ob diese
Vorstellungen, vom Standpunkt der Betriebsleitung, des Staates oder sonstiger
Stellen aus, als angemessen bezeichnet werden können. Schon hieraus ergibt sich
die Schwierigkeit einer eindeutigen Festlegung. Besteht jedoch zwischen den
obigen Gegebenheiten ein Widerspruch, ein Riß, so wird mit Sicherheit die Be
triebsatmosphäre in einiger Zeit sich verschlechtern, wobei der Grad und die
Schnelligkeit von dem Bewußtwerden dieses Widerspruchs abhängen. Da dieses
Bewußtsein durch äußere Umstände, durch Veränderung der politischen, wirt
schaftlichen oder sozialen Lage, durch Aufklärung und Hetze beeinflußt werden
kann, sind auch von hier aus die Schwierigkeiten der Schaffung und Erhaltung
einer guten Betriebsatmosphäre nicht gering. Das soll in folgendem näher erläutert
werden:
Die Wirtschaft hat zum Ziel die Befriedigung eines äußeren Bedürfnisses. Die
Durchführung dieses Zieles in den Wirtschaftsbetrieben kann dabei in verschie
denen Formen vor sich gehen; sie kann stärker die wirtschaftliche oder die tech
nische, die finanzielle oder die soziale, die schaffende oder die raffende, die dienende
oder die nehmende, die verstandesgemäße oder die gemütvolle Seite betonen.
Immer wieder ist versucht worden, durch sittliche Forderungen oder gesetz
geberische Maßnahmen die eine oder andere Auffassung über die Art der Wirt
schafts- und Betriebsführung zu pflegen oder zu unterdrücken. Immer wieder hat
sich jedoch gezeigt, daß die Betriebsform mehr oder minder unabhängig ist von der
betrieblichen Atmosphäre, von dem Wind, der hier wehte, von dem Geist, der
zwischen den gemeinsam arbeitenden Menschen herrschte.
Es ist die geistige Einstellung, die die im Betriebe arbeitenden Personen zu
ihren Aufgaben, zu ihrer beruflichen Tätigkeit, zu ihren Mitarbeitern haben, der
Sinn, der in dem Gesamtbetrieb lebendig ist, um die Einzelhandlungen zu ver
binden, welcher die Beziehungen von Mensch zu Mensch und von Mensch zu