Wesen und Aufgabe der Organisation.
109
Überwachung, die Leitung organisiert ? Ist Organisation ein Geschehen oder ein
Zustand, eine Tätigkeit oder ein Gebilde ? Beides trifft zu: Organisation bedeutet
zunächst eine Folge von Handlungen unter bestimmten Gesichtspunkten; ihr
sachlicher Niederschlag, ihr fester Gefügezustand, ihr Gefrierprodukt, wird wieder
mit Organisation bezeichnet.
Eine nähere Überlegung zeigt, daß die Organisation ein System der An- und
Zuordnung von Kräften und Gegenkräften (Widerständen) unter bestimmten Ge
sichtspunkten ist (wie es Bogdanow in allgemeinster Anwendung angenommen
hat). Das erste entscheidende organisatorische Merkmal ist die Verbindung dieser
Kräfte und Widerstände in der Weise, daß sie sich in einem höherwertigen Ziel
zusammenfinden, einem Ziel, das immer größer ist als die Summe der zu seiner
Erreichung verfügbaren Möglichkeiten; also das, was Wundt die „schöpferische
Synthese“ genannt hat. Es ist die alte biologische Erklärung für den Organismus,
die auch Bogdanow anführt 1 als „ein Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner
Teile“, eine Erkenntnis, die der gesamten Ganzheitslehre zugrunde liegt. Immer
galt hier der Satz, „daß das Ganze mehr als die Summe der Teile sei, daß mithin
funktionell die Summe der Teile niemals das Ganze erbringen könne“ 2 .
Wesentlich für die Kennzeichnung organisatorischer Zusammenhänge ist dem
nach zunächst, daß eine Endaufgabe zu lösen versucht wird, die großer ist als die
einfache arithmetische Summe der Aufgaben, die zu ihrer Bewältigung von Ver
einzelten geleistet werden könnte.
Die Organisation muß darum weiter angesehen werden als die bewußte Len
kung von Kräften im Hinblick auf ein übergeordnetes Ziel, wobei die Möglichkeiten
der Lenkung in der Beeinflussung der Kräfte nach Menge, Geschwindigkeit, Rich
tung, Lage, Zeit und Widerstand liegen. Dieser Kraftaufwand äußerst sich als
Arbeit. Im landläufigen Sinne wird Arbeit im Wirtschaftsbetrieb als die unmittel
bare oder mittelbare werteschaffende Tätigkeit am Stoff bezeichnet. Aber im Be
griff der Arbeit liegt mehr: der Ausdruck für ein inneres Erleben (Mühe, Qual),
für eine Leistung (psychologisch und physiologisch), für ein Tätigsein (schulisch)
und endlich für Energie (physikalisch, auch technologisch angewandt) 3 .
Für die Organisation müssen alle diese Ausstrahlungen der Arbeit beachtet
werden. Man kommt dem Wesen der Organisation im Wirtschaftsbetrieb nahe,
wenn sie bezeichnet wird als An- und Zuordnung von Arbeit im Sinne einer
größeren Summe. Dabei kann dieses Ziel der größeren Summe ein ideales und ein
materiell bedingtes sein. Immer jedoch stellt es sich dar als eine Einheit und macht
als solche die an ihr handelnden arbeitenden Einzelwesen zu einer „Ganzheit ge
meinsamen Zweckes“ (Spann) 4 .
Gestaltung der Arbeit im Sinne eines größeren Ganzen ist die Erklärung, die
wir der Organisation zugrunde legen wollen. Daß die Arbeit einem höheren Ziel,
einer größeren Summe dient, macht ihre entscheidende Stellung im organisatori
schen System aus; ebenso aber auch, daß sie allein nicht zum Ziele führt, daß ihr
durch Vorbereitung und Beeinflussung — Gestaltung — die Wege gebahnt und
geebnet werden müssen. Aber nur solche Aufgaben, die über das Vermögen
einzelner hinausgehen, werden bewußt einer Lösung durch Organisation zuge
führt.
Daraus erklärt sich, daß eine weitgehende Unterteilung der Exponenten ange
strebt werden muß, da dadurch das Ergebnis verbessert wird. Organisatorisch
wieder bedeutet das die Vornahme einer eingehenden Unterteilung der einzelnen
Arbeitshandlungen; die unterste Grenze — bei der Organisation im Wirtsehafts-
1 Bogdanow: Bd. L, S. 61. 2 Giese: Philosophie der Arbeit, S. 101.
3 Giese: S. 23/24.
4 Spann, Othmar; Artikel Organisation. Handw. d. Staatsw., 4. Auf].