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Die Organisation.
zipien können nur als Verfahrensweisen angesehen werden, andere sind Forde
rungen oder Annahmen — Postulate —, die keinesfalls dem organisatorischen
Handeln eigentümlich sind; nur wenige halten ernsterer Prüfung stand.
In dem Bewußtsein, daß an dieser Stelle der Darstellung Endgültiges im
Grunde noch nicht ausgesagt werden kann und unter Berufung auf das Wesens
merkmal von Axiomen als Aussagen, die —-weil unmittelbar einleuchtend — nicht
bewiesen zu werden brauchten und nicht bewiesen werden können, sollen dennoch
zwei Entwicklungsrichtungen aufgezeigt werden: die der Anpassung und der
Erhaltung.
Erhaltung als organisatorische Neigung spielt ihre vorwiegende Rolle hei Fort
entwicklung der Formen im organisatorischen Aufbau, bei aufkommenden Gegen
wirkungen, im Kampf gegen den Wirrwarr. Für den Wirtschaftsbetrieb wirkt sie
sich aus in der Erhaltung der Güte, Menge und Anordnung der verwendeten Mittel
und Menschen und der gegebenen Richtlinien und Vorschriften. Es ist das, was
sich als Stellenbildung und Festigung, in der Ausarbeitung von Arbeitsplänen und
-anweisungen, Dienststellenvorschriften, Verfahrensregeln, Vordrucken, Zahlen-
und Raumübersichten, Fahrplänen und Satzungen in Dienst-, Haus- und Arbeits
ordnungen, kurz in der Verfestigung und Verstetigung aller Denkvorgänge durch
organisatorische Handlungen niederschlägt. Hier liegen die Keime der Durch
bildung und Einführung von mechanischen Arbeitsverfahren, wie sie in den großen
Industriebetrieben, den Banken, Versicherungsgesellschaften, auf allen Gebieten
betrieblicher Betätigung, in der Fertigung, Verwaltung und Verrechnung, im
Transport wie auch im Ein- und Verkauf angetroffen werden.
Die vorgedachte und vorgetane Geistesarbeit schlägt sich in Systeme von
Normen, Zahlen und Instrumenten 1 nieder, die alle geschaffen sind zu dem
Zweck, hochwertige Hirnarbeit, hochwertige Leistung zu erhalten. „Dank der in
den Arbeitsmitteln vorgetanen Geistesarbeit bleibt seinen Handlangern der Besitz
von Kenntnissen erspart, und wäre nicht der Besuch der Handelsschule Zwang, sie
brauchten überhaupt nichts mehr zu wissen“, ist einmal sehr drastisch angesichts
dieser Neigung der Erhaltung einmaligen schöpferischen Gedankenguts gesagt
worden.
Allmählich aber veralten, erstarren, verfilzen, verkrusten alle diese Normen,
Zahlensysteme und Formulare, die raum- und zeitgebundenen Anordnungen im
großen Kampf der Wirkungen und Gegenkräfte. Sie bedeuteten zunächst einen
Halt, ein festes Gerippe, einenUmriß, das den flüchtigen und flatternden Gedanken
Richtung und Bestand gab und zweckentsprechende, zielbewußte Arbeit ermög
lichte. Die Zeit geht weiter: die fortdauernd angreifenden äußeren Gegenwir
kungen und inneren Reibungen zerstören einzelne Teile oder das ganze Gefüge, die
stete Verfeinerung des organisatorischen Gebildes ist ebenso Anlaß zu steigender
Empfindlichkeit und Rissigkeit. Die Einordnung und Regelung aller Maßnahmen
und Mittel erstarrt zum Schematismus, zum Bürokratismus und wird brüchig und
morsch. Unzufriedenheit und Widerwille gegen einzelne Menschen oder Maß
nahmen nehmen überhand und führen zuMißhelligkeiten und Störungen. So treibt
Erhaltung zwangläufig zum Umbruch: der Anpassung. Überlebte und brüchige
Formen müssen erneuert, überempfindliche verstärkt, festgefahrene gelockert,
überflüssig oder übergroß gewordene Gebilde ausgemerzt oder beschnitten, Unzu
friedenheit behoben und Ungerechtigkeit beseitigt werden. Es ist das organisato
rische Streben nach Anpassung an veränderte Verhältnisse, das sein Recht er
zwingt. Erhaltung und Anpassung, diese beiden organisatorischen Grundlinien,
decken sich weitgehend mit den landläufigen Bezeichnungen der Organisation und
1 Sombart: Kapitalismus, S. 901.