Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

kegel gegenüber von Bludenz ist mit Erlen bewachsen. 
Die gewaltigen technischen und finanziellen Aufwendungen 
ei der Regulierung der Flüsse und bei der Verbauung 
der Bäche zeigen ihre Wirkungen. Das gefährliche 
Hochwasser am 25. September 1027, das in der 
Schweiz und in Liechtenstein furchtbare Ver- 
wüstungen anrichtete, ist in Vorarlberg abge- 
"lossen, ohne nennenswerte Schäden zu verursachen. 
Gerade bei diesem Anlaß haben die schweizerischen 
Behörden die musterhafte Verbauung der Wildbäche 
im österreichischen Rheingebiete anerkannt. 
Die Regulierung der Flüsse ist aber auch die Grund- 
age für die landwirtschaftliche Verbesserung des Bodens 
m Rheintale. In dieser Hinsicht ist in den verflossenen 
zehn Jahren Gewaltiges geleistet worden. Weite Flächen 
des Rheintales, die früher nur Streu lieferten, finden jetzt 
als fruchtbare Aecker Verwendung. Die Stärke der Vorarl- 
berger Landwirtschaft liegt aber nicht im Ackerbau, der 
nur in den kleinen Ebenen Erfolg verspricht, sondern in 
ler Viehzucht. Das Vorarlberger Braunvieh stellt heute 
einen mittelschweren, widerstandsfähigen, sehr milch- 
reichen Viehschlag von hellbrauner bis dunkelbrauner 
Farbe, lebhaftem Temperament und einheitlich durch- 
zezüchteten guten Körperproportionen dar. Es werden 
jährlich 7000 bis 8000 Stück außer Landes verkauft. 
Von rund 33.000 Kühen werden in Vorarlberg etwa 
75 Millionen Liter Milch gewonnen, die einen Wert von 
mehr als 22 Millionen Schilling darstellen. Davon werden 
etwa 28 Millionen Liter Milch sennereimäßig verarbeitet. 
Gerade in den letzten Jahren zwang die zunehmende 
Konkurrenz in milchwirtschaftlichen Erzeugnissen zu be- 
leutenden Verbesserungen in Betrieb und Leistung. Für 
Neu- und Umbauten von Sennereien wurden über 
"2 Millionen Schilling aufgewendet. Aus den Völker- 
bundanleiheresten flossen der Vorarlberger Milchwirtschaft 
S 200.000‘— an billigen Krediten zu. 
Fin hervorstedchendes Merkmal des Landes Vorarlberg 
äegt darin, daß hier eine höchst entwickelte Landwirt- 
schaft unmittelbar neben einer nicht minder entwickelten 
alten Industrie besteht. Vorarlberg ist verhältnis- 
mäßig das industriereichste Alpenland. Die Vorarlberger 
Textilindustrie hat die schwierige Nachkriegszeit 
aufrecht überstanden. Hier sind die Textilfabriken 
meistens seit I00 und mehr Jahren in der Hand einer 
Familie und die Arbeiterschaft bildet seit Generationen 
der Kleinbauer und seine Söhne und Töchter. Zwischen 
Fabriksherr und Arbeiter ist ein geringerer sozialer 
Gegensatz als anderswo. Sind die Verhältnisse in der 
Textilindustrie seit vielen Jahren nicht erfreulich, ganz 
im argen liegen sie in jenem Zweig, der in Vorarlberg 
als Heimindustrie tausend fleißige Hände beschäftigt hatte, 
n der Stickerei. Die vielfachen Bemühungen, dieser 
'ndustrie wieder aufzuhelfen, haben bisher keinen durch- 
«hlagenden Erfolg gehabt. 
Die gewaltigsten Fortschritte hat in den letzten zehn 
lahren die Ausnützung der weißen Kohle, der Wasser- 
«räfte, gemacht. Die Arlbergbahn fährt mit dem Strom, 
len das Spulerseewerk liefert, das Gampadelswerk der 
Yorarlberger Landes-Kraftwerke gleicht mit seiner Sam- 
nelschiene, die sich fast durch das ganze Land zieht, die 
Unterschiede der Kraftlieferung der zahlreichen kleineren 
Werke aus, im innersten Montafon hat der Bau der 
<raftwerke der Ilwerke-A.-G. begonnen. Bei Parthennen 
st das Vermuntwerk im Entstehen, das erste einer 
zanzen Reihe gewaltiger Werke. Am Lünersee sind Vor- 
ırbeiten im Gange, um diesen See zu einem idealen 
;taubecken auszubauen. Und nicht mehr lange wird es 
lauern, bis die Gletscherbäche des Montafons ihre Kraft 
nit einer Spannung von 220.000 Volt über alle Lande in 
las Rheinisch-westfälische Industriegebiet senden werden. 
Neben Landwirtschaft und Industrie kommt dem 
"remdenverkehr in Vorarlberg eine große volks- 
virtschaftliche Bedeutung zu. In dieser Hinsicht vereinigen 
ich die Bemühungen einzelner, der Gemeinschaften und 
ler Behörden, um alles zu tun, was dem Fremdenverkehr 
ıützen kann. 
Das Vorbild der angrenzenden Schweizer Kantone gab 
len Anstoß zum modernen Ausbau des Straßenwesens 
ı1ach dem Kriege. In Vorarlberg entstand der erste 
itraßenpflegeverein und der erste österreichische Straßen- 
ag fand in Bregenz statt. Die große Durchzugsstraße 
-on der deutschen und schweizerischen Grenze über den 
\rlberg ist allen Anforderungen gewachsen und sie war 
cdhon zweimal der Schauplatz großer Kraftwagenrennen. 
Dabei werden‘ die Gemeinde- und Konkurrenzstraßen 
ıicht vergessen. Das große Ziel, alle herrlichen Berg- 
äler durch gute Straßen zu erschließen, wurde von neuem 
ns Auge gefaßt. Derzeit werden Straßen durch das 
Cleine Walsertal und das Brandnertal gebaut. Hundert- 
ausende von Fremden besuchen jedes Jahr die Berge 
ınd Täler Vorarlbergs und sie kommen immer wieder. 
denn es wird nicht leicht ein Land geben, das auf so 
zleinem Raume so viele landschaftliche Abwechslung 
»ietet wie das kleine Vorarlberg. In wenigen Stunden 
zann der Reisende aus dem Bereich der heiteren See- 
andschaft des Schwäbischen Meeres über das anmutige 
Aittelgebirge hinaus in die eisgepanzerte Schönheit der 
3letscherwelt gelangen. Die Verbesserung der Verkehrs- 
»eziehungen insbesondere mit dem benachbarten Deut- 
;chen Reiche, das die meisten Bergwanderer und Sommer- 
rischler sendet, geht Hand in Hand mit der Sorge um 
tadellose Unterkunft und Verpflegung. 
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