Object: Die deutsche Wirtschaft

Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn. 381 
stern der Regierung in dieser Frage sein, Staatssekretär Stieler be- 
klagte in der Sitzung des Deutschen Industrie- und Handelstags vom 
15. Mai 1925, daß das Reichskabinett eine Regelung der Urlaubs- 
frage beschlossen habe, die bei Annahme der Reichsbahn einen 
Mehraufwand von etwa 2 Millionen Mark gebracht hätte, Die Gesell- 
schaft läßt sich auch amtlich darüber aus"), daß die Erhöhung der 
Arbeiterlöhne im März d, J. infolge des Schiedsspruches des Reichs- 
arbeitsministeriums, die Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses auf 
Grund des Beschlusses des Reichstags sowie die Nachprüfung der Ge- 
samtlage der persönlichen Ausgaben nach Einsichtnahme in die Ent- 
wicklung der bislang besetzten Direktionen — mangels eines anderen 
Ausweges — dazu hätte führen müssen, die Zeitkartentarife ab 1. April 
1925 und die gesamten Personentarife (ohne Berliner und Hamburger 
Vorortverkehr) ab 1. Mai um 10 % zu erhöhen. Reichstagsresolutionen 
auf Gehaltserhöhungen u. dgl. sind deshalb für die Reichsbahn 
äußerst gefährlich. Für Reichstag und Reichsregierung, die sicher die 
Reichsbahntariflage wegen der Rückwirkung auf Wirtschaft und 
Arbeitsmarkt mit dauernder Sorge betrachten, liegt hierin eine ernste 
Mahnung, die Folgen aller Anregungen und Maßnahmen sozialpolitischer 
Art auf das größte deutsche Unternehmen bei dessen ausschlaggebender 
Bedeutung für die ganze Wirtschaft stets besonders sorgsam abzu- 
wägen. 
Auch die Entwicklung der Wissenschaftund Tech- 
nik hat für den Reichsbahnbetrieb Folgen, die bis vor kurzem niemand 
erwartet hätte. So ist der Übergang zur Ölfeuerung bei Schiffsmaschi- 
nen und sonstigen Antriebsmitteln ein Grund mit dafür, daß der Kohlen- 
versand, der mehr als 40 % aller Eisenbahnfrachten ausmacht, im Zu- 
rückgehen ist; wenn auch nicht für die allernächsten Jahre, so be- 
deutet diese Entwicklung (Verflüssigung der Kohle!) doch auf 
die Dauer einen Frachtausfall für die Reichsbahn, für den ein 
Ersatz wohl schwer zu schaffen ist. Die Konkurrenz des Kraftwagens 
ist, wie der Generaldirektor der Reichsbahn Oeser und Staats- 
sekretär Stieler mehrfach offen erklärt haben, schon heute für die 
Reichsbahn recht fühlbar; allerdings hat die Reichsbahn diese Kon- 
kurrenz zu einem guten Teil sich selbst zuzuschreiben; denn die über- 
triebene Frachtbelastung der nahen bis mittleren Entfernungen zu- 
gunsten der weiten war ein schwerer Fehler im Tarifaufbau, der sich 
heute rächt. Die Vorzüge des Automobilverkehrs (erleichterte Ab- 
fertigung, Fehlen von Begleitpapieren, Abholungen und Zustellungen 
beim Versender und Empfänger u. a. m.) wirken natürlich sehr 
*) „Die Reichsbahn” Nr. 18 vom 12, Mai 1925, Seite 121.
	        
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