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angelegen sein lassen, den G-eist der Subordination und des Respektes
aufrechtzuerhalten.
Dieses System wird überall in der Industrie Elberfelds ange
wandt: die Arbeiterfamilien besitzen gewöhnlich eine Kuh oder
wenigstens eine Milchziege. Sie sind durch Gewohnheit berechtigt,
diese Tiere längs der Wege an den Einfriedigungen des bebauten
Bodens und am Waldrande grasen zu lassen. Die Familie holt sich
umsonst das dürre Holz, das Gesträuch und das Heidekraut zum
häuslichen Verbrauch. Sie findet immer zu mäßigem Preise Pacht
land, wenn sie nicht schon eigenen Boden für den Kartoffelbau er
worben hat. Der Eigentümer einer jeden Fabrik trägt selbst zu
den Kosten bei, die Schule und Gesundheitspflege verursachen. Er
macht den jungen Arbeitern die nötigen Vorschüsse zu ihrer Ein
richtung; diese Vorschüsse sind hier allemal mit einem jährlichen
Zins von 3 % belastet, während sie in den sozialen Systemen des
Orients umsonst gegeben werden. Die Fabrikbesitzer ergänzen ge
wöhnlich dieses Patronagesystem, indem sie durch ihren Rat den
Spartrieb wecken, indem sie in Fällen höherer Gewalt den Familien,
die noch kein Reservekapital gesammelt haben, hilfreiche Hand
leisten, indem sie endlich allen gegen minimalen Pachtzins und als
dauernde Subvention eine anständige Wohnung und Gemüsegarten
sichern.
Diese Gewohnheiten der Patronage gehen zurück auf Gefühle,
die die alte ländliche Verfassung der sächsischen Ebene entwickelt
hat. Ob die Elberfelder Fabrikanten ihr treu bleiben und trotzdem
an den Errungenschaften der modernen Industrie teilnehmen können?
§ 21. Über die Anzeichen von Zerrüttung, welche
sich in der sozialen Verfassung der sächsischen Ebene
bei den Kohlenbergwerken derRuhr um das Jahr 1855
zeigen. 1 ) Im unteren Ruhrtale streichen zahlreiche Kohlenflöze
zutage, in einer Länge von 25 km, besonders zwischen Essen, Werden
und Mülheim. Im Westen dieses Gebietes, bis zum Rhein, ist die
Kohlenformation von einer schwachen Alluvialschicht bedeckt. Im
Osten von Essen verschwindet sie unter jüngere Schichten und er
streckt sich wahrscheinlich bis Osnabrück. Der Teil des Kohlen
gebietes, der zwischen Essen und dem Rhein liegt, ist 20000 ha
groß. Der Teil östlich von Essen umfaßt dagegen 60000 ha. In
*) Vgl. Mer jetzt Ehrenberg, Die Frühzeit der Krupp’scheu Arbeiterschaft
(Archiv III, 7 ff.).