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Die Organisation.
neue Erzeugungsverfahren, die eine mehr oder minder große Übersicht und Kon
trolle erfordern. Andere Inhaber, andere Rechtsformen, andere Gesetze, andere
Sitten, andere Staatsformen: alles wirkt auf den bestehenden Betrieb ein und
beeinflußt seine Organisation, die mit allen Strömungen der Umwelt und Span
nungen der Eigen weit verknüpft ist und fertig werden muß.
So sind heute Organisationen gleichartiger großer Betriebe anzutreffen, deren
Unterschiedlichkeit und Mannigfaltigkeit zunächst in Erstarmen setzt. Die Ge
schichte liefert die Erklärung: längst hinfällige Gründe waren für diese oder jene
Einrichtung maßgebend.
Einige Beispiele aus der Praxis 1 :
1. Ein Konzern hat mehrere Werke in Westfalen und Sachsen; die Buchhaltung einiger
westfälischer Werke liegt bei den sächsischen Werken, während die der anderen bei den
Werken in Westfalen verblieben ist. Der Grund: Der frühere Inhaber und Ersteller der Werke,
die aus Standortsgründen in Westfalen lagen, wollte die Ergebnisse seiner Schöpfung immer
vor Augen haben und legte deshalb die Rechnungsführung an den Ort seiner eigenen Haupt
tätigkeit nach Sachsen. Der Inhaber ist tot, Kostengründe und das Beharrungsprinzip haben
die Umlegung verhindert.
2. Ein Konzern besteht aus mehreren, örtlich getrennt liegenden Werken, die zu zwei
ebenfalls örtlich getrennten Zentralverwaltungen A und B, jede mit kaufmännischem und
technischem Apparat, zusammengefaßt sind. Bei einem dieser Werke fällt auf, daß — entgegen
der sonstigen Übung ■— die kaufmännische Leitung bei der einen (A), die technische Leitung
hei der anderen Zentralverwaltung (B) liegt. Der Grund: Das Werk ist durch Zusammen
legung zweier Werke entstanden, von denen das eine ganz von A, das andere ganz von B
geleitet wurde, und zwar so, daß das Werk B das früher zu A gehörige Werk aufnahm. Da
jedoch der Umfang und die Schwierigkeit der kaufmännischen Arbeit des früher zu A ge
hörigen Werkes auch in dem zusammengelegten Werk überwog, beschloß man die Übernahme
des gesamten kaufmännischen Betriebes nach A, wo die nötigen Personen, Einrichtungen und
Erfahrungen vorhanden waren.
3. Die technische und kaufmännische Leitung mehrerer Werke sind in einer Hauptverwal
tung zusammengefaßt; nur zwei von ihnen haben sowohl hinsichtlich der technischen als auch
der kaufmännischen Leitung fast volle Selbständigkeit. Der Grund: Die Werke sind später
hinzugekommen. Das eine hat wegen der Eigenart der Erzeugung (Einzelfertigung mit viel
Planungs- und Konstruktionsarbeit) einen besonders befähigten Ingenieurstamm und er
fordert eine besonders enge Verbindung des technischen Büros mit der Kundschaft beim
Verkauf. Deshalb ist sowohl die technische als auch die kaufmännische Leitung (die hier
— auch bezeichnend — ein Techniker inne hat) selbständig verblieben. Ein- und Verkauf und
Rechnungswesen liegen beim Werk, lediglich der Zahlungsverkehr geht über die Hauptver
waltung. Bei dem andern Werk ist der geringe Umfang der einzelnen Aufträge, die zudem
örtlich begrenzt an viele einzelne, bekannte Abnehmer gehen, der Grund für die Belassung der
Selbständigkeit; auch hier wird lediglich der Zahlungsverkehr von der Zentrale besorgt.
4. Ein Unternehmen, das sehr stark auf Staatsaufträge angeweisen ist, wird durch die
partikularistische Vergebung von Aufträgen gezwungen, in jedem Lande Zweigbetriebe zu
unterhalten, obwohl alle Gründe der Wirtschaftlichkeit und Organisation für die Zusammen
fassung der technischen und kaufmännischen Arbeit sprechen. Da die Art des Produktes ein
enges Zusammenarbeiten der technischen und kaufmännischen Leitung erfordert, muß auch
der kaufmännische Apparat weitgehend dezentralistisoh arbeiten.
5. Der Ausbau von Verkaufsstellen einer Maschinenfabrik war zunächst so vorgenommen
worden, daß sie selbständig abrechneten. Mit der Zahl der Geschäftsstellen und der Ver
größerung des Gesohäftsumfanges wurde aber die Abrechnung und Kontrolle und die Auswahl
zuverlässiger Leiter schwieriger und kostspieliger; ebensowenig brachten Überprüfungen ge
nügende Sicherheit, so daß man zur Zusammenfassung der Geschäftsstellen sich entschloß.
Dies wurde begünstigt durch den inzwischen erfolgten Ausbau des Rechnungswesens im
Stammhaus, durch das man leicht auch die Überwachung mit übernehmen konnte 1 2 .
Ganz anders liegen naturgemäß die Verhältnisse bei Betrieben, die als Groß
gründung entstehen. Hier macht die schlagartig auftretende Beschäftigung von
großen Menschenmassen von vornherein Überlegungen über die Art der Zusam
menarbeit notwendig: die Organisation wird hier zum brennendsten Betriebs
1 Aus unveröffentlichten Diplomarbeiten und Werkarbeitsberichten am Wirtschafts
seminar der Technischen Hochschule Berlin.
2 Seuthe: Die Gliederung der Verwaltung in der westdeutschen Großindustrie.