2. Die Handelskrisis von 1857.
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wie die elektrische Spannung der Luft im Gewitter zur Ausgleichung kommt. Im
Bereiche des Großhandels, in dessen Händen die Ware vor dem durch den Detail
handel geleiteten unmittelbaren Verbrauch sich befindet, platzte das Gewitter, was
um so unvermeidlicher war, als eine durch Kredit unterhaltene spekulative Ein
sperrung und Stapelung der Waren mit einer nie dagewesenen Allgemeinheit statt
gefunden hatte.
Die Krisis von 1857 war von einer Allgemeinheit und Heftigkeit und hat
Auswüchse des wirtschaftlichen Lebens an den Tag gebracht wie keine frühere. Nicht
der Rechtfertigungs-, aber der Erklärungspunkt hievon liegt darin, daß die diesmalige
Krisis in der Hauptsache nicht, wie früher, von partiellen Störungen (Fehlernten,
Kriegskonjunkturen), sondern von einer allgemeinen Prosperität, der Folge eines
ohnegleichen großartigen weltwirtschaftlichen Neu- und Umbildungsprozesses, bewirkt
worden ist. Diese Prosperität gab nach allen Seiten einen vergleichsweise mühelosen
Gewinn, indem viele Vermögenselemente wie durch Zauberschlag verdoppelten Nutz
effekt hatten. Das menschliche Herz ist unersättlich, die Übertreibung war unver
meidlich. Und wie seinem eigenen, so vertraute man dem fremden Glückssterne, und
es ergab sich hiedurch zur Fortbewegung der Dampfentwicklung von Handel und
Industrie jener Kreditmißbrauch, bei dem es im einzelnen Falle immer schwer ist,
zu entscheiden, ob er mehr auf Selbsttäuschung oder Täuschung anderer beruht.
Der Kreditmißbrauch schwindelte sich an einer Schraube vorzugsweise empor,
am Wechsel. Der Wechsel, dieses vermöge seiner formellen Rechtsstrenge unentbehr
liche kaufmännische Zahlmittel, diente durchaus nicht mehr bloß zur Übertragung
reeller Werte, er wurde nicht bloß gezogen auf wirkliche Warenempfänger oder auf
Geschäftsfreunde, welche mit dem Aussteller durch Bande eines reellen Geschäfts
verkehres und durch Überzeugung sicherer Solvenz verknüpft waren. Der Wechsel
wurde, sobald wirkliches Kapital zu mangeln begann, gezogen zu keinem andern
Zwecke, als um ein fiktives Kapital, Zahlmittel ohne reelle Wertunterlage, zu schaffen
und sich zu erhalten. So wurde nicht bloß die einfache Form dessen, was der Kauf
mann Wechselreiterei nennt, die Ausstellung neuer Wechsel zu keinem anderen Zweck
als zur Deckung der fälligen, gehandhabt. Dieses einfachste Mittel, eine einmal ge
schaffene Kapitalfiktion fortzufristen, genügte nicht. Man bildete förmliche Komplotte,
um durch Nachahmung der allgemeinen formellen Eigenschaften des guten Wechsels
dem schlechten Wechsel den Kredit und Kurs solider Wechsel zu erwerben; ein
Zwickauer Kistenmacher akzeptierte eine Million M Banko für sechs Groschen Pro
vision pro Wechsel, ein Havelberger Krämer von 5000 Talern Vermögen vier
Millionen Ji Banko. Man häufte Unterschriften, die nichts zu bedeuten hatten; ein
englisches Haus hatte dreißig gewerbsmäßige Indossanten, welche an ihrem angeb
lichen Wohnort vom Bankerottgericht gar nicht aufzufinden waren. So wurde es
möglich, den Wechsel als Zahlmittel in Lauf zu setzen und, wenn er verfiel, ihn mit
einem neuen Zahlungsversprechen zu decken, bis endlich die ausgegebenen und aufge
häuften fingierten Wertsummen in einer schuldigen oder einer unschuldigen Hand als
das, was sie von Anfang waren, als wertlose Papierfetzen und Lumpenprodukte, hängen
blieben. Von Hamburg sollen förmliche „Kreditreisende" ausgegangen sein, um das
Blankoakzept ihres Hauses, welches jedem Wechsel in Skandinavien den Laufpaß gab,
wie eine Ware feilzubieten. Nicht auf die Deckung und Solvenz seitens des Trassanten,
sondern nur auf die Provision sah man, als man durch Akzepte in die strenge Wechsel
zahlungsverbindlichkeit sich einließ. Mit der Biegsamkeit des kaufmännischen
Sprachgebrauchs nannte man dies „Eefälligkeitsakzept". Der beste Fall war aller
dings der, wenn das Blankoakzept, die Annahme des Zahlungsversprechens ohne
reellen Schuldgrund und vorhandene Deckung, aus leichtsinniger Gefälligkeit und in
Mollak, Volkswirtschaftliches Luellenbuch. 4. Ausl. 8