Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

2836 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
wurden, traten sie den Reformbestrebungen eines Rebhuhn und 
Llajus zur Seite und erweiterten deren Erfolg. 
Freilich war dieser auch hiermit noch nicht vollkommen 
gesichert. Hierzu bedurfte es längerer praktischer Erprobung 
des neuen Systems, seiner völligen Klarlegung auf Grund dieser 
Praxis und seiner Anwendung in einer mit allgemeinem Bei⸗ 
fall aufgenommenen Dichtung. Es war ein Ergebnis, das erst 
seit den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts erreicht ward. 
Und herbeigeführt wurde es schließlich durch den Vorgang der 
Niederländer und durch die Tätigkeit eines wichtigen binnen— 
deutschen Dichters, Martin Opitzens. 
In den Niederlanden hatten sich ähnliche Schwierigkeiten 
der metrischen und rhythmischen Behandlung ergeben wie im 
mneren Deutschland. Sie waren hier im Sinne des Clajus 
von Vander-Milius theoretisch behandelt und dann auch schon 
praktisch gelösst worden zu einer Zeit, da Opitz, 1597 zu 
Bunzlau geboren, 1619 und 1620 in Heidelberg und Straß— 
burg weilend, von dort nach Leiden ging, um in dem Kreise 
der dortigen Theoretiker der neulateinischen und volkstümlichen 
Renaissancedichtung, Vossius und Heinsius, etwa ein Jahr zu 
verleben. Einige Jahre darauf, 1624, erschien Opitzens Buch 
von der deutschen Poeterey und fast gleichzeitig die Sammlung 
seiner deutschen Poemata: es sind die Grenzsteine gleichsam 
einer neuen Zeit metrischer Grundsätze; denn von nun ab galt 
das Prinzip der Übereinstimmung von Wort- und Versakzent 
und das Prinzip gleichmäßiger Silbenzahl der Senkungen; 
und nur wenige Dichter noch, so Weckherlin und Lauremberg, 
haben sich dem entgegengestellt: im ganzen brachte die Folgezeit 
nur noch die genauere Durchbildung des neuen Prinzipes. 
Dabei enthielt aber das Buch von der deutschen Poeterey 
keineswegs bloß eine Metrik, die einen neuen formalen Auf— 
schwung zunächst des Vers- und Strophenbaus gestattete, es 
brachte noch viel mehr: die Prinzipien einer neuen Poetik, 
einer neuen oder wenigstens hier zum ersten Male völlig klar— 
gelegten angeblichen Erkenntnis des Wesens der Dichtung und
	        
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