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Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
deckt werden mußte, während sie tatsächlich nur eine Fortsetzung Listscher Gedanken-
gänge darstellt?
Und findet Friedrich List etwa heute die Beachtung, die er auch als Theore
tiker verdient? Ich fürchte fast, diese Frage verneinen zu müssen. Es ist verwun
derlich, daß man sich heute viel Mühe gibt, alte englische und französische Abhand
lungen in deutschen Übersetzungen herauszugeben, während man den reichen Schatz
volkswirtschaftlicher Erkenntnis unbehoben läßt, den List in zahllosen Zeitschriften
verschwenderisch ausgestreut hat,*)
Und wie viel fehlt heute noch zum Verständnis des Volkswirtes List! In einer
deutschen Stadt, die List längere Zeit beherbergte, findet sich keine Straße, die Lifts
Namen trägt, weil die freihändlerisch gesinnte Bürgerschaft von ihm nichts anderes
weiß, als daß er Schutzzöllner ist. Eine angesehene deutsche Handelskörperschaft er
klärt, keinen Beitrag zu unserem Denkmal spenden zu können, weil es zurzeit, d. h.
bei der derzeitigen fchutzzöllnerischen Strömung im Reiche, nicht opportun sei, den
Vertreter des Schutzzolles zu feiern. Man weiß nicht, soll man lachen oder weinen
über solchen Unverstand. Weite Kreise in Deutschland und Österreich haben sich eben
gewöhnt, List vorzugsweise mit der Streitfrage über Schutzzoll und Freihandel in
Verbindung zu bringen. Und gewiß in so fern mit Recht, als List der erste und
wirksamste Theoretiker des Schutzzolles war, unter dessen Einfluß Fürst Bismarck
bewußt oder unbewußt stand, als er 1879 mit dem Freihandelssystem brach, dessen
Ausführungen noch heute die schneidigste Waffe im Lager der Schutzzöllner bilden.
Auch in so fern mit Recht, als List richtig erkannt hatte, daß in Deutschland kein
wirtschaftlicher Aufschwung und Fortschritt möglich sei, ehe ein gemeinschaftliches
Handelsgebiet hergestellt und die erstickenden Zwischenzölle einer einheitlichen Zoll
grenze gewichen seien. Daß er für die damals in ihren Anfängen befindliche, von
der überlegenen englischen Fabrikproduktion hart bedrängte deutsche Industrie einen
Erziehungszoll verlangte, wird kein Einsichtiger tadeln wollen. Aber derjenige kennt
List schlecht, der in ihm den Rur-Schutzzöllner erblickt. Er war nie ein Mann der
Schablone, auch in der Frage des Schutzzolles nicht. „Wäre ich als Engländer zur
Welt gekommen," sagt er selbst, „würde ich Freihändler sein." Immer hat ihm die
Welthandelsfreiheit als das erstrebenswerte Ziel vorgeschwebt.
Gerade die Kreise des Handels und der Industrie, die List heute noch ver
kennen, weil sie von ihm wenig mehr wissen, als daß er Schutzzöllner war, sollten be
denken, daß er es war, der die Regierungen und das große Publikum auf die Not
wendigkeit der Beachtung wirtschaftlicher Fragen hingewiesen, der die Industriellen
und Kaufleute gesammelt, ihren Wortführer gemacht, sie mit Standesbewußtsein
erfüllt hat.
Unvergessen in den Blattern deutscher Geschichte muß es bleiben, welchen Anteil
Friedrich List an der Gründung des Deutschen Zollvereins genommen hat. Ohne
Zollverein kein Deutsches Reich; auf der Grundlage der wirtschaftlichen Einigung erst
*) Vgl. jetzt: Kernsprüche und Kernstücke aus Friedrich Lifts
Schriften. Ausgewählt von Mollat. Gautzsch b. Leipzig, Felix Dietrich, 1908. Die
Quellen der „Kernsprüche und Kernstücke" sind die folgenden Veröffentlichungen Lifts: 1. Das
nationale System der politischen Ökonomie. 1841. 7. Ausl. Mit einer historischen und kri
tischen Einleitung von Eheberg. Stuttgart, I. G. Cotta, 1883. — 2. Mitteilungen aus
Amerika. Herausgegeben von Weber und Arnoldi. 1. Heft. 1829. Nachtrag zum 1. Hefte.
1829. — 3. Aufsätze im Staatslexikon. Herausgegeben von v. Rotteck und Welcker. 1. Bd.
1834. 4. Bd. 1837. Neue Aufl. 1. Bd. 1845. 4. Bd. 1846. — 4. Eisenbahnjournal und
Nationalmagazin für die Fortschritte im Handel, Gewerbe und Ackerbau usw- Nr. 1—40.
1835—1837. — 5. Das Zollvereinsblatt. 1.-4. Jahrgang. 1843—1846. — 6. Gesammelte
Schriften, herausgegeben von Häusser. 1. Teil. 1850. 2. Teil. 1850. — G. M.