fullscreen: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einheit und Vielheit. 
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Wie die Vielheit der Dinge nur für den oberflächlichen Blick 
besteht, so ist auch in dem Charakter des Bewusstseins die Mehr- 
heit kein positives und wesentliches Element. Sofern unser 
Geist sich selbst in seiner reinen nnd ungeschiedenen Einheit 
nicht‘ zu erfassen vermag, sondern nur in der Beziehung auf 
die Objekte und ihre Verschiedenheit sein eigenes Wesen be- 
greift, sofern ist er eben damit von der höchsten Vernunft ge- 
irennt. Denn in dieser ist jeder Unterschied ausgelöscht; die 
Einheit ist zur absoluten „Einfachheit“ geworden. Die Beziehung 
auf das Mannigfaltige erscheint somit nicht als eine Bedingung, 
sondern als eine Schranke und ein Hemmnis des reinen Selbst- 
bewusstseins.®) Wir stehen hier an der Grenze von Brunos Er- 
kenninislehre: die weitere Entwicklung und Umbildung des 
Gegensatzes gehört nicht mehr der Logik, sondern der Natur- 
philosophie an und wirkt erst von dieser aus mittelbar auch 
auf die Gestaltung des Frkenntnisprohblems zurück. 
Der Naturbegriff der neueren Zeit knüpft, wie wir im Ein- 
zelnen verfolgen konnten, an den Aristotelischen Gegensatz der 
Materie und Form an. Ueberall wird das Sein zunächst in 
diesem doppelten Sinne vorausgesetzt: als ein ruhendes Substrat 
und als das Prinzip der Gestaltung, das diese Grundlage ergreift 
und sie aktiv nach sich bestimmt.. Zugleich aber sehen wir, 
wie diese absolute logische Trennung von Tätigkeit und Leiden 
sich unfähig erweist, den Gehalt und Stoff, den die neue Physik 
darbietet, begrifflich darzustellen und zu bewältigen. Der Kraft- 
begriff, der jetzt in den Mittelpunkt der Untersuchung tritt, ent- 
hält schon in seinen Anfängen die Kritik des Aristotelischen Dua- 
lismus in sich. Er ist bereits dem herkömmlichen gegensätz- 
lichen Schema entrückt: denn wie er als Prinzip des Wirkens 
und der Umgestaltung mit. der „Form“ verwandt ist, so erscheint 
er andererseits, da er als eine Energie gefasst wird, die in dem 
Stoffe selbst begründet liegt, nicht von aussen an ihn herange- 
bracht werden muss, der „Materie“ zugehörig. Nicht mehr die 
bloss unbestimmte und indifferente „Möglichkeit“, sondern die 
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