Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Materie und Form.

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scheint die Auffassung der Entwicklung selbst bei Bruno noch
unter der Herrschaft des dualistischen Vorurteils zu stehen: alle
Umformung wird nach der Analogie des künstlerischen Schaffens
 gedacht, das einen vorhandenen, für sich gegebenen Stoff
vorfindet und bearbeitet. Mit einer Wendung, die bei Paracelsus
vorherrschte, lässt Bruno den göttlichen Künstler die Gestalt der
Welt aus dem ungeformten Grundstoffe herausschnitzen.*)
[n der weiteren Darstellung indes, die insbesondere der Dialog
„De la causa, principio et uno“ gibt, tritt dieser Vergleich immer
mehr zurück. Die Materie erhält ihre Abmessung und Gestalt
nicht von aussen, sondern entsendet und entfaltet sie aus dem
eigenen Innern. Es ist ihr eigener, ewig fruchtbarer Schoss, aus
dem sich die mannigfachen Bildungen fortschreitend hervorringen.
Nicht die Form ergreift und zwingt den Stoff, sondern der Stoff
selber ist es, der zur Gestaltung aufstrebt und sich nacheinander
mit den wechselnden Formen bekleidet. So wächst er über die
nackte „Potenz“ hinaus, der jedes tätige Vermögen und jede Vollendung
 abgeht, zum lebendigen „Samen“ aller Dinge. Nur die
sinnliche Auffassung verlangt, dass der Gegenstand ihr in fertiger
Ausbreitung vor Augen liege: das Auge der Vernunft dagegen
vermag die Wesenheit der Dinge bereits in ihrer impliciten
Grundform zu erkennen, vermag die „Substanz“, die die Bedingung
aller künftigen Veränderungen in sich trägt, noch vor ihrer Entfaltung
 und Auseinanderlegung in die Vielheit der Einzelgestalten
zu erfassen.%®) Die wahre und echte Realität kann keinem
Sonderdinge, sondern nur derjenigen Wesenheit zukommen, die
die unbeschränkte Vielheit aller Maasse, aller Figuren und
Dimensionen in sich vereinigt.) Mit dieser Kritik des Seinsbegriffs
 ist dem Aristotelischen Begriff der „individuellen Substanz“
 die Grundlage entzogen. Denn alle Individualität ist
an räumliche .und zeitliche Begrenzung, ist an ein „Hier‘““ und
„Jetzt“ gebunden: sie kann somit nicht die wahrhafte Einheit
darstellen, die über alle Einzelschranken hinaus die Allheit
ihrer möglichen Folgen in sich enthält und darstellt.45)
Der geschichtliche Zusammenhang zwischen dem Substanzproblem
 und dem Erkenntnisproblem, der sich uns besonders
 deutlich bei Galilei darstellte, erfährt hier eine neue
Bestätigung und Beleuchtung. VUeberall sind es logische
            
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