Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 135
Zu der fanatischen Energie und herben Leidenschaftlichkeit
standen die intellektuellen Eigenschaften König Ottos in keinem
Verhältnis: als besonders guter Diplomat oder Feldherr wird
er uns nicht geschildert. Vielleicht besaß er zu wenig die Gabe
ruhiger Beobachtung und den Sinn für das Nächstliegende.
Wo er wirkte, da hatte er seinen Erfolg ganz dem festen, oft
begeisterten Zuge seines Wollens zu danken; kein Wunder, daß
er bei der religiösen Veranlagung seines Zeitalters in späteren
Jahren ein inbrünstiger Beter geworden ist.
Nachdem König Otto, von den Jubelrufen des Volkes ge—
tragen, in der Achener Pfalzkapelle auf dem Marmorstuhl
Karls des Großen Platz genommen, nachdem er sich beim
Krönungsmahl von den Herzögen des Reiches hatte bedienen
lassen, brach bald die Zeit herein, da die von Heinrich gelegten
Grundvesten des Reiches starke Prüfungen bestehen mußten.
Kaum ein Jahr nach der Krönung kam es zu Zwistigkeiten
zwischen Franken und Sachsen. Franken und Sachsen zusammen
hatten König Heinrich gewählt; die Begünstigung des fränkischen
Herzogshauses war die stets festgehaltene Vorbedingung aller
Erfolge Heinrichs gewesen. Jetzt begann sich der Stamm der
Sachsen als dauernder Träger des Königtums zu fühlen; es
war eine den Franken widerwärtige Stimmung; so kam es zu
Häkeleien beider Stämme an der Grenze, in die auch Herzog
Eberhard verwickelt ward. König Otto griff ein; er verurteilte
den Herzog zu einer Buße von 100 Pfund Silber und dessen
Lehnsleute zur schimpflichen Strafe des Hundetragens; er ver—
ließ die von seinem Vater innegehaltene politische Linie.
Nun schürte Eberhard zum Widerstand und fand Anklang
auch in Sachsen. Hier hatte schon Heinrichs Slawenpolitik
Gärung unter dem alten Adel hervorgerufen; viele seiner An—
gehörigen ließen sich von Eberhard gewinnen. Ein Haupt er—
hielt die sächsische Unzufriedenheit in Thankmar, einem Halb—
bruder Ottos; der König war darauf ausgegangen, das mon—
archische Prinzip in seinem Geschlechte fest zu begründen; er wollte
herrschen auch in seinem Hause, und er hatte in diesem Be—
streben Thankmar wiederholt verletzt.