738 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Ehe nun aber dieser Termin herannahte, begann sich auch
zu zeigen, daß die Wahl selbst vielfach von den Wirkungen
französischen Einflusses abhängig sein werde: und daß dieser
Einfluß nicht zugunsten sterreichs, sondern zugunsten der
Gegner des Hauses Habsburg werde geübt werden. Eine
große Überraschung für den Wiener Hof; und doch nach Lage
der allgemeinen politischen Verhältnisse Westeuropas sehr be—
greiflich.
Nach dem Utrechter Frieden war der säkulare Gegensatz
zwischen Frankreich und England, der den Ausgang des
spanischen Erbfolgekrieges vornehmlich bestimmt hatte, zeit—
weilig einmal zurückgetreten: bis er in den dreißiger Jahren
infolge der vereinigten spanisch-französisch-bourbonischen
Familienpolitik von neuem erwachte. Wir haben diese Politik
in ihrer Bedeutung für Zentraleuropa, insbesondere Italien,
schon kennen gelernt!: in beiden Richtungen feindlich ausgreifend
mußte sie antihabsburgisch orientiert sein. Nun waren aber
die beiden bourbonischen Mächte auch gegen England vor—
gegangen und hatten es, Spanien die alte einstige Weltmacht,
Frankreich die eine Weltmacht anstrebende europäische Zentral—
gewalt, an seiner empfindlichsten Stelle berührt, in dem Versuche,
den Welthandel womöglich für sich allein zu gewinnen. Denn
das war doch im Grunde das letzte Ziel ihres damaligen Ein—
greifens im spanischen Amerika zugunsten der französischen
Flagge. Und regten sich nicht auch in der anderen, teutonischen
Hälfte Amerikas die Franzosen zu einer beängstigenden Um—
klammerung der englischen Kolonien auf dem Wege einer Ver⸗
bindung ihrer Herrschaftsbereiche am Mississippi mit denen am
St. Lorenzstrom durch Errichtung zentralamerikanischer Etappen
an den großen Seen, an den Nebenflüssen des Ohio, am Ohio
selbst und am Mississippi? Es war klar: ein erster großer Kampf
aller beteiligten europäischen Mächte um die amerikanischen
Küstengebiete des Atlantischen Ozeans — das Wort Küsten⸗
gebiet im weitesten Sinne genommen — entspann sich; eben
S. oben S. 591 ff.