Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

50 Zweiter Teil. Handel. I. Die Volkswirtschaft. 
feit, wenn er einen Schein luxus treibt, infolgedessen notwendige Ausgaben un- 
befriedigt bleiben müssen. Benjamin Franklin hat einmal gesagt: „Wer das über 
flüssige kauft, wird sehr bald das Notwendige verkaufen müssen," und ein slavisches 
Sprichwort drückt diesen Gedanken drastischer aus, indem es von einem Lerscywenoer 
sagt: „Er kauft sich einen Frack und verkauft die Hosen". Einen schädlichen Luxus,, 
der von Mangel an sittlicher Kraft und sittlichem Ernst zeugt, treibt jedenfalls der, 
der mehr verausgabt, als er besitzt. Wenn Sie den Dickensschen Roman „David 
Copperfield" gelesen haben, so werden Sie sich auch erinnern, in welcher Weise die 
köstliche Figur von Mr. Micawber versucht, dem armen David Copperfield die ge 
sunde Grundlage eines geordneten Haushalts darzustellen. Er sagt wörtlich: „Jähr 
liches Einkommen 20 Pfund, jährliche Ausgabe 19 Pfund 19 Schilling 6 Pence; 
Folge: inneres Glück. Jährliches Einkommen 20 Pfund, jährliche Ausgabe 20 Pmnd 
6 Pence; Folge: Elend." Der verwerflichste Scheinluxus wird bei uns in Deutschland 
in den weitesten Kreisen der Gesellschaft auf dem Wege der sog. Geselligkeit getrieben, 
wo die Reichhaltigkeit materieller Genüsse so häufig den Mangel geistigen Inhalts 
ersetzen muß. Schon Tacitns sagt von den Deutschen bekanntlich: „Eonvietibns ei 
hospitiis non alia gens effusius indulget". „Kein anderes Volk schwelgt reich 
licher in Gelagen und gastfreundschaflichen Veranstaltungen". Auch für die heutigen 
Zeiten ist es noch wahr, daß vielfach zwischen der täglichen Lebensführung und dem 
gesellschaftlichen Aufwands in Deutschland eine viel größere Kluft besteht als in 
anderen Kulturländern. Der Gedanke gesellschaftlicher Repräsentation, die so häufig, 
nur einen theatralischen Aufwand mit geborgten Requisiten darstellt, hat sich zum Teil 
zu einer fixen Idee ausgebildet, die für viele Kreise im höchsten Grade drückend und 
wirtschaftlich schädigend wirkt. Die eingebildeten Repräsentationspflichten der auf 
festes Gehalt angewiesenen Staatsdiener, mit deren Einkommen nur in wenigen Fällen 
eine Repräsentationsentschädigung verbunden ist, rückt die Gefahr plutokratischer 
Auswahl immer näher, d. h. daß für bestimmte Stellen nicht der geistig und sittlich 
Befähigteste und Arbeitsfreudigste, sondern der ausgewählt wird, der finanziell am 
besten imstande ist, eine große Repräsentation zu üben und damit durch äußere 
Mittel den Einfluß zu gewinnen, den sich die sachliche Leistung erringen soll. 
Es ist unzweifelhaft, daß der Lebensstand unseres gesamten deutschen Volkes 
in den letzten Jahrzehnten sich außerordentlich gehoben hat. Ich halte das von 
meinem Standpunkte aus für einen Kulturfortschritt und deshalb für eine erfreuliche 
Erscheinung. Wenn bei einem Volke, dessen wirtschaftliche Kraft sich so schnell ver 
mehrt hat, hiermit auch unerfreuliche Erscheinungen eines verweichlichenden und 
verletzenden Luxus in einzelnen Fällen verbunden fein mögen, so glaube ich doch, 
daß man diese Erscheinungen wesentlich überschätzt, weil es bei uns gar nicht so viele 
Menschen gibt, die solchen Luxus treiben können. 
Dem Luxus, insoweit man diesem Worte einen mißbilligenden Beigeschmack 
geben will, pflegt man die Sparsamkeit gegenüberzustellen, d. h. jenes wirtschaft 
liche Verfahren, sich nicht nur in den Grenzen seines Einkommens zu halten, dasselbe 
nach dem Grade innerer Notwendigkeit der einzelnen Lebensbedürfnisse zu ver 
ausgaben und sittlich erlaubte Zwecke mit dem möglichst geringen Geld- und Kraft 
aufwands zu erreichen, sondern auch Beträge seines Einkommens für eine künftige 
Verwendung zurückzulegen. 
Ich halte diese Gegenüberstellung für eine irrige; Sparsamkeit in jenem Sinne 
ist die vernünftige normale und sittlich berechtigte Verwendung des Einkommens. 
Dem Luxus im schädlichen Sinne steht nicht die Sparsamkeit, sondern der Geiz 
gegenüber, den man mit Recht für häßlicher hält als die Verschwendung, und der, 
weil er Vermögensmassen wie in einer toten Hand aufspeichert, für den volkswirt 
schaftlichen Verkehr vielleicht schädlicher ist als die Verschwendung. Die Sparsamkeit
	        
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