Object: Geburtenrückgang u. Sozialreform

U, Gründe des Yebu.renrücdganges 28 
preijen, die bereitwillig und freudig die Opfer der Entfagung auf fich 
„ehmen, die der Krieg uns auflegt, {o wird diefen das Ertragen erleichtert 
durch den Gedanken, daß eS der AWbwehr des TFeindes und dem Wohle 
des Vaterlaudes gilt, daß Alle Opfer bringen müflen und Viele ihr Teuerites 
Jaben einjegen müifjen, und endlich, daß doch Hoffentlich bald wieder beffere 
Beiten fommen, während jene Familienväter und -mütter aller diejer Trojt- 
gedanien entbehren und ungejehen und unbeachtet — oft genug noch 
inter dem Hohn ihrer Arbeitägenoffen — ihre Entbehrungen tragen.!) 
Semwiß, au) für Ddieje jtillen Helden des deutjchen Familienfinnes 
gibt’3 ein Hoffen auf beffere Zeiten, und diefe brechen an 
init dem Tage, wo das erfte Rind, der Schhuleentlaffjen, mit 
eintirittin die Erwerbsarbeit. Dem einen Kinde folgt das 
andere, und nun fonımen bald die befjern Tage, die Bater und Mutter 
aufatmen lajlen 110 reiche Entfhäbigung bringen für die frühern Jahre 
der Entbehrungen. Fest fönnen die Schulden abgetragen, die Wohnräume, 
Betten, Möbel, Kleider wieder auf guten Stand gebracht werden. Das 
Heim gejftaltet ji behaglidher. Auch die berechtigten Lebensgenüffe in 
Nahrung, Gejelligteit, Fortbildung fommen zu ihrem Rechte, Die daukbare 
Liebe und Hilfe der Kinder ft reicher Lohn Für alle frühern Sorgen unt 
Arbeiten. 
Diejes Bild der Entwichung: Sorgen und Not in den erften Yahren 
ber Che, wo die Kinder fich mehren und anwadhlen, reicher Dank und 
Sohn und forgenfreies Alter — nod) erhöht durch die Zugaben der Jnva- 
liden- oder AUltersrente bzw. Witwenrente — bietet jihH überall dort, 
wo die Lonferbativ-Arijkliden Grund äßge no in 
Seltung jind. Dieje Ausfichten waren und find ein {tarfer Anfporu 
im Sinne der Geburtenförderung, und haben e& mit verurfacht, daß unfer 
YUrbeiterjtand in Stadt und Land fidh vor alleu andern Bevölferungsaruppen 
neben dem Heinen und mittlern Bauernftand durch Kinderreichtum auszeich- 
nete. Leider feßt aber auch hier die moderne indultriell-tädtiiche Entwic- 
fung zeritörend ein (val. unten VI). 
Beinahe noch fHlimnıer al die Arbeiter find die feinen Bean 
ten geftellt. Eines VBorzugs erfreuen fie fih infofern, al3 fie mit einem 
Nchern und ftetig teigenden Einfommen rechnen fönnen. Sie entjtammen 
auch metjten? deftigern Familien; neben einer beffern Häuslidhen Ausbil- 
dung und Erziehung bringt die Frau auch 204 in der Regel eine befcheidene 
Ausjteuer mit. Das Elternhaus bietet ihnen oft noch mehr oder weniger 
Stüße und MRüchalt. Im übrigen aber beginnen die Gehälter meiftens 
recht niedrig, fteigen langlam und find jo geradein den Jahren, 
’) Ein erfdütterndes Bild der Sorgen und Kämpfe eines Knderreihen Famiken- 
oaters gibt die Selbftbivgraphie eines Uhrmachers in der „Sozialen Kultur“ 1916, 
480 5 
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