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wollfultur in Turkeftan und Transkaukajien einen bedeutenderen Auf-
idwung, und es Ionnte ein großer Teil des rulliihen Bedarfes aus
diefen Gebieten gededt werden.
Große Schwierigkeiten bereitete der rujfifjhen Yndultrie von jeher
die Arbeiterfrage. Da jeder Bauer nad) der Mirverfajjung einen
Anteil am Lande bhefak, verlor der induftrielle Arbeiter felten voll-
jtändig den Zujammenhang mit feinem Heimatdorfe, in das er Häufig
für die Zeit der Iandwirt|HaftliHen Arbeiten zurüdfehrte. Die Folge
war die, daß die rufjfifhe Jndufjtrie, je nad) den Iahreszeiten, bald
an einem Überfluß und bald wieder an einem empfindliden Mangel
an Arbeitskräften litt. Überaus Iangjam bildete fih daher ein fejter
Stern gelernter Arbeiter heran, und der fehr [Hledht bezahlte ruflildhe
Arbeiter zeidhnete jiH im allgemeinen dur jehr geringwertige Lei-
jtungen aus. Die Folge aller diefer ungünftigen Berhältnifje war, daß
die nur dur ein Schuß3zolNliyftem Kebensfähig erhaltene rujlijde In-
duftrie nur wenig Qualitätswaren Herftelen konnte, fondern Haupt-
Täclig Maljenprodukte für den bedürfnislolen inneren Berbraud) auf
den Marit warf.
CharakteriftijH für die ruflijhe Ynduljtrie war der Umftand, dak
in ihr ausländijher UnterneHmungsgeijt und ausländijHes Kapital
eine führende Rolle fpielte. Deutfdhe, Franzofen, Engländer und Belgier
fanden in Nukland ein reides und dankbares Anlagefeld für ihre
Kapitalien. Aug in der Leitung der indujtriellen Unternehmungen
nahmen die AWusländer vielfad) eine führende Stellung ein, und ohne
die zahlreiden ausländijHen, insbejondere deutfhen Ingenieure und
Tedhniker konnte die rullilde Induftrie nicht arbeiten.
Während das zentralrufjijhe Induftriegebiet das Zentrum der
Tezxtilindufjtrie bildete, Hatte die Schwerindujtrie [id hauptjädlidh in
und um Petersburg Ionzentriert, wo fie aber fajt ausfqlieklid mit
ausländifdher Kohle und ausländijdhen Rohfjtoffen arbeitete.
Troßdem bei den groben Entfernungen im europäijdhen Rußland
die Verkehrswege eine erhöhte Bedeutung gewinnen, ijt auf diejem
Gebiete nur wenig geleiftet worden. Kunitjtraken find beinahe gar
nicht vorhanden bis auf die wenigen Poftjtraken, und die übrigen Land
wege befinden [ih zum größten Teile nod im Naturzujtande, Wirklid}
pajlierbar find fie nur im Winter bei Frojft, während der übrigen
Zeit des Nahres verwandeln fie JiH in der Regel in Sümpfe, auch
im Sommer, fobald regnerijde Witterung eintritt.
Mit dem Bau von Eijenbahnen ijt in Rukland verhältnismäßig
[pät, erft in der Mitte des 19. Jahrhunderts, begonnen worden. In
den erften Jahrzehnten madte der Bahnbau nur fehr geringe Fort-
Ihritte und fhlug erft in den 70er Yahren ein [Hnelleres Tempo ein.
Dank der franzöfilhen Revandemiliarden find in den lekten Jahrzehnten