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Solch eine Entwidlung aber, die — ähnlid wie in Finnland — eine
Einheitsfront gegen alle KRuflifizierungspläne erzeugen mußte, Ionnte
nicht den Wünfdhen der rujlijhen Reichsregierung entjpreden. Darum
lieben audy die baltijH-deutidhen Reformvorjdhläge immer underüd-
jichtigt. Die Notwendigkeit von Reformen aber blieb beftehen und
wuchs, und die baltijden Privilegien wurden fo dur ruljliflhen Willen
zum SZielpunkt der Agitation. In einen Zuftand des nationalen Friedens
war der Hak gefät worden, und die heutige Not der Balten hat ihren
Uriprung in der panrujlijchen Staatsraijon.
Die Zukunft der Balten ijt heute ungewiß. In der Vergangen-
heit bildeten fie den kulturellen Mittelpunkt der DeutjdHen im rulli-
jhen Imperium, Das gilt befonders für die früher deutjde Landes-
univerjität Dorpat, aus der eine Anzahl Gelehrter von Weltruf her-
vorgegangen ijft. Wber aud) nad) der Rulfifizierung behielt Dorpat
durch feine deutfjh gebliebene evangelijde theologijdhe Fakultät, die
einzige im rullijden Reich, noch eine gewiifle Bedeutung für alle Deut-
jhen im Often,
Die Selbjthehauptung der Balten unter fremder Oberhoheit und
inmitten einer Landesbevölferung, von der fie felbjt nur einen Bruch»
teil — vor dem Kriege nit mehr als 1/,4 — ausmachten, war allein
dur eine Kulturelle Überlegenheit über die Umwelt möglig. Dabei
hatte die Koloniale Vergangenheit des baltijden Stammes eine bejon-
dere Befähigung für Körper[dhaftlidhe Organifation entwidelt. Durch
einen engen Zulammenfdluß in Stadt und Land, durch gemeinjame
Wahrung ihrer Yuterejfen und durdh eine Opferwilligfeit für die Ge-
mein{haft, die ihresgleihen jhwer finden wird, haben fig) die Balten
durch widrige Zeiten hindurd) bis zu unjerer Zeit ihre Exijtenz er-
Halten. Ob und wie fie die Krifis überbauern werden, in der fie heute
jtehen, das wird die Zukunft lehren. — — —
Nächjt den Balten jind die am längiten im Diten eingefefienen
DeutigHen;: die Deutfhen in Kongrekz- Polen.
Zur Zeit der großen Völferwanderungen waren die deutjdhen
Stämme im Olten bis über die Elbe zurüdgedrängt worden. Erjt im
zehnten Yahrhundert beginnt ein Zurüdfluten nad) Often. Dann folgt
die Unterwerfung von Preußen und Alt-Livland durd) den Deutihen
Drden, zu delien Niederlaflung in Preuken der Ruf eines polnilchen
Hürften den erften Anftoß gegeben Hatte.
Die Folge der Schladt von Tannenberg von 1410 ift eine Ver-
ringerung des politijdHen deutf/den Madtgebietes im Olten, dur die
Teilungen Polens wäclt es aber wieder über die früher erreichten
Grenzen hinaus. Na den NapoleonijHen Kriegen beftimmt dann der
Miener Konarek für ein Yahrhundert die deutidhe (bzw. vyreukildhe)