84 —
und Nachteile diefer zu geringen LandverJorgung ZU mildern, nämlich
der Kauf und die Padht von SGutsländereien. Sowohl das eine, wie
das andere ijft in recht beträchtligem Umfange ge[hehen, wenn aud
in Anbetracht der ftark wacdhjenden Bevölkerung hierdurd) der Land:
not nicht wefentlid abgeholfen werden konnte. Bom Jahre 1877, von
dem an es einwandfreie, ftatiftijde Angaben gibt, bis zum Iahre
1904 {jtieg das bäuerlide Privateigentum von 8,5 Millionen auf
24,5 Millionen Dekjatinen. Aug die Pacht von Gutsländereien brachte
nicht unbeträchtlidge Landmengen in die Hände der Bauern — genaue
jtatijtilde Angaben über den Umfang Ddiejer Bewegung fehlen leider
volljtändig. Dieje beiden Wege [tanden aber nur der geringen Anzahl
der wohlhabenden Bauern offen, während die überwältigende Mehr:
zahl der landhungrigen armen Bauernidhaft nad) wie vor aus[dließlidh
auf das Anteilland angewiefen blieb. Es ijt übrigens eine immerhin
intereffante Tatjadhe, die teils vielleicht einen wenn aud) nur geringen
MNAusgleidy hHerbeiführte, daß ein nicht unbeträdtliher Teil des von
den Gutsbejigern gepadhteten und gekauften Landes nicht in die Hände
von Einzeleigentümern, Tondern an Dorfagemeinden und GenollenIchatften
überging.
Zu allen diefen in der rullifjden Agrarverfalfung liegenden Hem-
mungen einer gefunden Entwidlung der LandwirtjHaft und einer wirt:
ihaftliden Hebung des Bauernjtandes traten noch andere, die im
euffiiden Bauern felbjt wurzeln. Der niedrige Stand der Bildung
und die allgemeine Unkultur verhinderten eine Verbreitung der not-
wendigen landwirt[HaftliHen Bildung jowie die Einführung befferer
Wirtfhaftsmethoden, die trojtloje Armut aber madte die Beidaffung
beijerer, vervolliommneter Adergeräte unmöglich. Primitive Dreifelder-
wirt/haft, getrieben mit mangelhaften Geräten und ein, dur unge:
nügende Viehhaltung ver[dhärfter Raubbau, der fogar die Ertrags-
jähigfeit des als uner]Höpflid) geltenden Schwarzerdegebietes jtarf ver-
mindert Hat, Harakterifieren die Landwirtjhaft der rujjijdhen Bauern.
Und die Folgen find periodijdh mit größter Megelmähigfeit wieder-
fehrende Mikernten mit entjekliden Hungersnöten im Gefolge.
Es fann night Wunder nehmen, daß unter folden [hweren wirt-
ichaftlidjen Verhältnijjen die durd Hunger und Elend und eine über:
mäßige Steuerlajft zur Verzweiflung getriebenen Bauern zur Selbf{thilfe
zu greifen verfuchten. So war denn Rußland der Herd jtändiger
Bauernunruhen, die Hauptfächlid in Exzejjen gegen die Gutsbefiker
und Steuerverweigerungen ihren Ausdrud fanden. Aber da es [id
nie um großzügig organifierte Aufjtände, jondern immer nur um
[ofale Revolten Handelte, fiel es der Regierung nidht [Hwer, ihrer Herr
zu werden. AWber ihre jtändig zunehmende Zahl zeigte doc, daß Abhilfe
geldhaffen werden mußte. Als am Anfange diefes Yahrhunderts, Ins-