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schaftliche Schäden stiften, als er glaubt, vermieden zu haben. Über-
haupt darf man nicht meinen, daß Rationalisierung nur vernunft-
gemäßes Handeln und nichts anderes bedeute. Auf die feinen
psychischen Obertöne rationellen Handelns ist sehr wohl zu achten
— nicht bloß in der individuellen Sphäre, sondern erst recht in der
Betriebsrationalisierang, was später im Abschnitt über »soziale Ra-
tionalisierung« näher dargestellt werden soll.
Zwei höchst wertvolle Eigenschaften des Menschen sind hier
noch zu erwähnen: die Kunst, sich zu beherrschen, und das
Vermeiden ungünstigen, nachteiligen Verhaltens gegenüber
anderen. Scheinbar schon in das Gebiet der Ethik gehörend, haben
diese Eigenschaften aber auch sehr hohen praktischen Wert.
Schon der junge Mensch lerne, sich zu beherrschen; er wird dieser
Kunst viele Erfolge im Leben verdanken und durch sie noch weit
mehr Nachteile vermeiden können. Wenn man z. B. irgendwelche
Dinge verlegt und lange Zeit vergeblich gesucht hat, gerät man
leicht in Zorn, äußert diesen den Nebenmenschen (Hausgenossen)
gegenüber, schließlich zerbricht oder zerschlägt man in der Wut
einen oft recht wertvollen Gegenstand, dem man überdies — ganz
mit Unrecht — ein schmähendes Epitheton beilegt. Wie irrationell!
Viel weitere Verbreitung hat die Sucht gefunden, anderen
Schlechtes nachzusagen, ja sie zu verleumden. Dies geschieht oft
nicht aus schlechten Motiven, sondern aus purer Gedankenlosigkeit,
aus Geschwätzigkeit. Was man Nachteiliges über einen anderen ge-
nört, wird, ohne jede Nachprüfung, weitererzählt, manches Mal nur,
um sich interessant zu machen. Und die Fama wächst blitzesschnelle
ins Riesenhafte. Schwere berufliche oder wirtschaftliche Schäden
des Objektes der Rederei, aber auch des Verleumders selbst sind
die naturgemäßen Folgen; der Beleidigte oder Gekränkte wird nur
selten versäumen, von dem heiligen Rechte der Rache Gebrauch
zu machen. »Das Echo, horcht! — erwidert: Rache!« Dante ver-
vannt mit gutem Grunde die Verleumder, namentlich diejenigen,
welche sich Freunde oder Verwandte zum Opfer auserkoren, in
zinen der tiefsten Höllenkreise. Und versöhnt man sich, so bleibt
doch immer etwas hängen. Ist es nun nicht die leerste aller Zeit-
vergeudungen, über andere, ohne rechtlich-sittlichen Zwang,
schlecht zu reden, selbst wenn das Weitererzählte auf Wahrheit
beruht? Das gleiche gilt vom Wiederholen dessen, was andere
Schwätzer über jemanden erzählt haben. Es gibt aber leider viele