Neue Dichtung.
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brünett, von großen hellen Augen und prachtvoll hochgewölbter
Stirn, mittelgroß, von festem, langem Rumpfe, gefiel er sich
in der aufrechten Haltung des Siegers. Schiller dagegen war
übergroß, mit sechs Fuß zwei Zoll der längste Mann in Weimar;
auf schlanken Beinen ruhte ein Oberkörper mit schmaler Brust,
der sich zwar edel, doch gern in liebenswürdiger Schüchtern⸗
heit bewegte, und der Rumpf trug ein Haupt, dessen im Unter⸗
gesicht stark hervortretender Knochenbau und breite Schwaben—
stirn mit zart durchscheinender Haut bedeckt war, dessen Höhen
rötliche Haare zierten, und dessen leicht entzündliche blaue Augen
im allgemeinen ins Innere gekehrt waren: bis sie im besonderen
Augenblick innig aufleuchteten.
Und leider erstreckten sich die körperlichen Unterschiede, in
denen man leicht die Differenz der beiden deutschen Haupt—
typen, des brünetten und des blonden, erkennt, auch auf die
Gesundheit. Was war Goethe, trotz mancher Krankheit, für eine
unverwüstliche Natur: ein großer Schläfer und ein tüchtiger
Esser, kräftig, ziemlich breitschultrig, unempfindsam gegen Hitze
und Kälte, bei anstrengendem gesellschaftlichem Vergnügen immer
der Letzte — kein Stubenhocker: die besten Ideen sind ihm im
Gehen gekommen. Schiller dagegen war schon ein schwerkranker
Mann, als er Goethes Freundschaft gewann; eingefallene
Wangen, rasches und lautes Atmen der Brust zeugten von
der Unerbittlichkeit des zehrenden Siechtums: schon hatte er
das strenge Wort gelesen,
Dem Leiden war er. war dem Tod vertraut.
Als Goethe ihn 1794 in sein Haus lud, mußte ihm Schiller
antworten, daß seine Krämpfe ihn gewöhnlich nötigten, den
ganzen Morgen dem Schlafe zu widmen, weil sie ihm des
Nachts keine Ruhe ließen. „Üüberhaupt wird es mir nie so
gut, auch den Tag über auf eine bestimmte Stunde sicher
zählen zu dürfen.“ Und so war denn der Dichter an Zimmer
und Hausgarten gebannt. Wie viel Stellen im schönen
Thüringerland sind nicht durch das Andenken an Goethe ge—
weiht: wenige nur erinnern an Schiller.