Full text: Tote und lebendige Wissenschaft

156 
ist kurz gesagt der: daß die sozialen Erscheinungen ent 
weder von ihren Bestandteilen, den einzelnen Menschen 
und ihren Handlungen, her begriffen werden oder vom 
Ganzen her, zum Beispiel von „Gesellschaft", „Staat" her. 
Im ersten Falle sind die einzelnen Bestandteile (die Menschen, 
Handlungen) das Primäre, das eigentlich Wirkliche, in sich selbst 
Gegründete und vor ihren Kombinationen oder „Beziehungen" 
schon fertig, schon real; und die Analysis der ge 
sellschaftlichen Erscheinungen wird in der 
Folge stets d i e s e n S t a n d p u n k t festhalten, 
das heißt ein „Ganzes" als eigene Realität nicht aner 
kennen, sondern jedes „Ganze" mit allen seinen Eigenschaften 
aus den Einzelnen herleiten. Und in diesem Sinne wird 
der Begriff des Einzelnen als des Primären, der des scheinbaren 
„Ganzen" aber (das dann in Wahrheit nur eine Summe ist) 
als des Abgeleiteten, methodisch grundlegend sein. Dieser 
Standpunkt ist der individualistische, er hat mit „Wertung", 
wie Mar Weber meint, als solcher gar nichts zu tun, er beruht 
auf einer Wesensanalyse. Aus ihm folgt allerdings auch 
eine Wertung oder kann wenigstens folgen; denn derjenige, 
der im Einzelnen das primär Wirkliche sieht, wird auch nur 
dem Einzelnen den primären Wert zubilligen. — Ferner sagte 
ich, in meiner „Gesellschaftslehre" (1. Aufl. 1914) und in 
meinem „Fundament" (1. Aufl. 1918), daß umgekehrt, wenn 
man von den gesellschaftlichen Erscheinungen als Ganz 
heiten ausgeht, man diesen die primäre Wirklichkeit 
zuschreiben und alles Einzelne (zuletzt auch die einzelnen 
Menschen, ihre Handlungen usw.) als das Sekundäre, als das 
vom Ganzen in dem Sinne Abgeleitete betrachten muß, daß 
es nur im Rahmen des Ganzen, daß es nur als G l i e d mög 
lich ist. 
Mar Weber verstand mich in diesem Gedankengang so 
wenig, daß er in der obigen Erwiderung: 1. von „Wertung"
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.