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ist kurz gesagt der: daß die sozialen Erscheinungen ent
weder von ihren Bestandteilen, den einzelnen Menschen
und ihren Handlungen, her begriffen werden oder vom
Ganzen her, zum Beispiel von „Gesellschaft", „Staat" her.
Im ersten Falle sind die einzelnen Bestandteile (die Menschen,
Handlungen) das Primäre, das eigentlich Wirkliche, in sich selbst
Gegründete und vor ihren Kombinationen oder „Beziehungen"
schon fertig, schon real; und die Analysis der ge
sellschaftlichen Erscheinungen wird in der
Folge stets d i e s e n S t a n d p u n k t festhalten,
das heißt ein „Ganzes" als eigene Realität nicht aner
kennen, sondern jedes „Ganze" mit allen seinen Eigenschaften
aus den Einzelnen herleiten. Und in diesem Sinne wird
der Begriff des Einzelnen als des Primären, der des scheinbaren
„Ganzen" aber (das dann in Wahrheit nur eine Summe ist)
als des Abgeleiteten, methodisch grundlegend sein. Dieser
Standpunkt ist der individualistische, er hat mit „Wertung",
wie Mar Weber meint, als solcher gar nichts zu tun, er beruht
auf einer Wesensanalyse. Aus ihm folgt allerdings auch
eine Wertung oder kann wenigstens folgen; denn derjenige,
der im Einzelnen das primär Wirkliche sieht, wird auch nur
dem Einzelnen den primären Wert zubilligen. — Ferner sagte
ich, in meiner „Gesellschaftslehre" (1. Aufl. 1914) und in
meinem „Fundament" (1. Aufl. 1918), daß umgekehrt, wenn
man von den gesellschaftlichen Erscheinungen als Ganz
heiten ausgeht, man diesen die primäre Wirklichkeit
zuschreiben und alles Einzelne (zuletzt auch die einzelnen
Menschen, ihre Handlungen usw.) als das Sekundäre, als das
vom Ganzen in dem Sinne Abgeleitete betrachten muß, daß
es nur im Rahmen des Ganzen, daß es nur als G l i e d mög
lich ist.
Mar Weber verstand mich in diesem Gedankengang so
wenig, daß er in der obigen Erwiderung: 1. von „Wertung"