I. Abschnitt. Allgemeine Lehren.
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Auffassung verdrängt, welche die Staaten auf allen Gebieten in
Tätigkeit zu sehen wünscht, wo die beschränkten Kräfte des In
dividuums ungenügend sind, um den Anforderungen der physischen,
-mistigen, moralischen Kultur zu entsprechen. Die Staatstatigkeit
hat in kolossalen Verhältnissen zugenommen und damit auch die
Staatsausgaben. Die immense Steigerung der Staatsausgaben be
leuchten prägnant die folgenden Daten. Im Verlaufe von vier Jahr
hunderten ist das französische Ausgabenbudget von 2 Millionen
auf 4 Milliarden gestiegen. In der ersten Hälfte des XV. -Jahr
hunderts betrug es 2 Millionen, unter Sully 32 Millionen, unter
Colbert 720 Millionen, 1830 eine Milliarde, 1911 überschritt es die
vierte Milliarde. In Großbritannien ohne Irland betrug das Aus
gabenbudget 1688 etwa 3 Millionen Pfund Sterling, am Ende des
XVIII. Jahrhunderts 60 Millionen, vor dem Weltkrieg 172 Milli
onen. Als Ursachen, welche in der Neuzeit das Steigen der Staats
ausgaben hervorriefen, kommen namentlich folgende in Betracht:
a) in einzelnen Fällen die Vergrößerung des Territoriums des Staates
und überall die Zunahme der Bevölkerung im XIX. Jahrhundert.
Doch ist diese Zunahme natürlich nur als eine relative zu betrachten.
2. Die außerordentliche Zunahme der staatlichen Aufgaben aut
dem Gebiete der Kultur, so Unterricht, Volkswirtschaft, öffentliches
Gesundheitswesen usw. Der Staat beschäftigt sich mit der Ver
waltung großer Unternehmungen, wie Eisenbahnen, Kanäle, Geld
institute usw., welche den Kähmen der Staatstätigkeit außerordent
lich erweitern. 3. Der humane Geist der Neuzeit fordert vom
Staate große Opfer auf dem Gebiete der Armenpflege, Kinder
pflege, Arbeiterversicherung, Gefängniswesen, Patronage usw. 4. Das
immense Anwachsen des Heeresbudgets als Folge der internationalen
Lage resp. der imperialistischen und Revanchebestrebungen einzelner
Staaten und der außerordentlichen Entwicklung der Kriegstechnik,
Dreadnoughts, Unterseeboote, Aeronautik und Zeppelin usw. 5. Die
fortschreitende Entwertung des Geldes, welche sowohl die persön
lichen als die sachlichen Ausgaben des Staates empfindlich beein
flußt. 6. Die infolge des parlamentarischen Systems in den höheren
Stellungen eintretenden fast fortwährenden Personenwechsel belasten
in hohem Maße die Rubrik der Ruhegehalte. 7. In manchen Staaten
kommt hier auch die leichtsinnige Vergeudung der Staatseinnahmen
in Betracht, welche das parlamentarische System nicht nur nicht
hemmt, sondern infolge der für die Wähler geforderten Begünsti
gungen sogar erhöht. 8. Auch die Verbreitung des demokratischen
Regimes hat seinen Anteil an der Steigerung der Ausgaben; in den
demokratischen Kantonen der Schweiz steigen die as en un a