Zweckbegriff und Naturbegriff.
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erst in dieser teleologischen Deutung und Beziehung; das Sein
des Kosmos, der Umschwung der Gestirne, wie das Werden der
Organismen erschliesst sich unserem Verständnis erst, wenn wir
es aus dieser lebendigen und ursprünglichen Zweckeinheit be-
greifen.
Von diesem Punkte aus ergibt sich sogleich die Grundabsicht
und die ironische Nebenbedeutung von Montaignes „Apologie“. In-
dem sie die einzelnen Beweise scheinbar zu stützen und zu ver-
teidigen unternimmt, zerschneidet sie in Wahrheit den Lebensnerv,
der alle Argumente des Werkes in sich zusammenhält. Sie löst
die naive Einheit, die hier zwischen dem Naturbegriff des Men-
schen und seinem Offenbarungsbegriff besteht. „Wer hat ihn ge-
lehrt, dass der bewunderungswürdige Umschwung des Himmels-
gewölbes, dass das ewige Licht der Leuchten, die über seinem
Haupte kreisen, für seine Bequemlichkeit und zu seinem Dienste
eingesetzt ist und sich für ihn durch die Jahrhunderte erhält?
Gibt es etwas Lächerlicheres, als dass dieses elende und ärmliche
Geschöpf, das nicht einmal Herr seiner selbst ist, sich zum Herrn
über das Universum berufen glaubt, von dem es nicht den win-
zigsten Teil zu erkennen, geschweige zu beherrschen vermag!“
Durch alles Pathos des Zweifels klingt selbst hier eine neue posi-
tive Grundanschauung hindurch. Der Ausschluss der materialen
Zweckmässigkeit erschafft einen neuen Begriff des Gesetzes
und damit der objektiven Natur. Deutlicher, als in der „Apologie‘“
tritt diese Wendung in der dialektischen Auflösung des Begriffs der
„Zweckursachen“ zu Tage, die die „Essais“ in ihrer Gesamtheit
vollziehen. „Wenn die Weinstöcke in meinem Dorfe erfrieren, so
beweist mein Pfarrer daraus den Zorn Gottes über das menschliche
Geschlecht. Wer ruft nicht beim Anblick unserer Bürgerkriege, die
Maschine der Welt gehe aus den Fugen und der jüngste Gerichts-
tag fasse uns am Schopf, ohne zu bedenken, dass schlimmere Dinge
geschehen sind und dass die tausend übrigen Teile der Welt bei
alledem munter fortbestehen .. Wer sich das grosse Bild unserer
Mutter Natur in seiner ganzen Erhabenheit vergegenwärtigt, wer
in ihrem Antlitz eine allgemeine und beständige Mannigfaltigkeit
sieht und in ihm nicht nur sich selber, sondern ein ganzes
Reich nur wie einen winzig feinen Punkt erblickt, der allein be-
misst die Dinge nach ihrer wahren Grösse“ (Essais I, 25.). Wie