Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Skhepticismus:

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Goethe hat den Konflikt des Glaubens und Unglaubens
 als das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Weltund
 Menschengeschichte bezeichnet, dem alle übrigen untergeordnet
 sind. „Alle Epochen, in welchen der Glaube herrscht, unter
welcher Gestalt er auch wolle, sind glänzend, herzerhebend und
fruchtbar für Mit- und Nachwelt. Alle Epochen dagegen, in
welchen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen
 Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit
einem Scheinglanze prahlen. sollten, verschwinden vor der Nachwelt,
 weil sich Niemand gern mit Erkenntnis des Unfruchtharen
abquälen mag.“ Wenn es eine Epoche gibt, die als fruchtbar und
gläubig im Goetheschen Sinne zu bezeichnen ist, so ist es das
Zeitalter der Renaissance. Ihr Zweifel wird zum Vehikel der
Selbsterkenntnis, ihr Unglaube selbst wird ihr zum Mittel, durch
das die Vernunft ihre Unabhängigkeit und schöpferische Ursprünglichkeit
 entdeckt. Es ist, als erhielten alle Einzelzüge der
neueren Zeit ihre Ergänzung und ihre volle Schärfe erst in dem
negativen Gegenbilde des Skepticismus. Diese Leistung und diesen
mittelbaren Ertrag gilt es zu erkennen und festzuhalten, wenn man
die Skepsis als notwendiges Moment der Gesamtentwicklung verstehen
 will. Der Vergleich mit der Antike ist hier besonders
lehrreich. Der eigentliche objektive Gehalt und die doktrinale
Begründung der allgemeinen Zweifellehre ist bei Montaigne
derselbe, wie bei Sextus Empiricus; selbst die Fassung und Anordnung
 der einzelnen Argumente hat sich unverändert erhalten.
Aber was sich uns im Altertum als das Endergebnis einer inneren
dialektischen Auflösung darstellt, das trägt hier deutlich das
Gepräge eines neuen Ansatzes. Die skeptischen Sätze, so sehr sie
inhaltlich auf frühere Formen und Formeln zurückgehen, haben
gleichsam ein entgegengesetztes Vorzeichen erhalten. Von neuem
und in einem veränderten Sinne ist die griechische Philosophie
zur Lehrmeisterin geworden: nicht zu ihren reifsten und höchsten
 Leistungen, sondern zu den letzten Problemen und Zweifeln,
mit denen sie abschloss, wendet sich die neuere Zeit zurück, um
sie sich innerlich anzueignen und damit die Grundbedingung ihrer
künftigen Lösung zu schaffen.
            
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