210 Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
ausgedehnten ikonographischen Kanons. Ohne Skrupel wird
auf wissenschaftlichem Gebiete die äußerlichste kompilatorische
Methode angewendet; die Gelehrten fühlen sich noch nicht als
individuelle Erzeuger von Ideen, sondern als Mitglieder einer
gleichsam kommunistisch gebundenen Produktionsgesellschaft des
Wissens. Kein Bildner schämt sich der Aneignung der Formen
fremder Phantasie, kein Baumeister der Herübernahme fremder
Pläne; ja bei den Dichtern ist die Anführung einer Autorität
sogar Modevorschrift.
Fehlt das ausgesprochene Bewußtsein individualen Schaffens,
so muß das Selbstbewußtsein überhaupt noch einer niedrigen
Entwickelungsstufe angehören. In der That wird die mensch—
liche Seele noch wie im 10. und 11. Jahrhundert vornehmlich
als Schauplatz der Einwirkungen fremder Mächte gedacht, guter
und böser, des Satans und Gottes. Das war alte kirchliche
Lehre, Bruder Berhtolt trägt sie in der Form vor, daß nach
der Geburt jedes Kindes die Teufel einen der Ihrigen auswählen,
der das Kind versuchen soll an sich zu ziehen, während Gott
einen hütenden Engel abordne; zwischen beider Ratschlägen
verlaufe das Leben des Kindes!. In anderen Kreisen galten
andere, nicht minder mechanische Vorstellungen; nach der
Klausnerin Ava z. B. teilen sich, entsprechend einer schon viel
früher entwickelten Anschauung, die sieben Gaben des heiligen
Geistes dem Menschen mit und erzeugen seine Tugenden; und
nach Hartmanns erstem Büchlein kämpfen Leib und Herz mit—
einander, der Leib der Inbegriff der Affekte, das Herz der
Untergrund der sittlichen, religiösen und intellektuellen Stre—
bungen, beide völlig persönlich gedacht, beide ausgestattet mit
Sinnen und Wollen?, und nur dadurch zusammengehalten, daß
die Seele über ihnen steht als ihre innere, zur Erlangung des
Christenheils prästabilierte Harmonie. Entsprechend diesen An⸗
schauungen wuchert die Allegorie der Begriffe aufs üppigste
1S. auch Soester Zeitschr. 1882283, S. 101, 1209. Selbst Gott—
fried von Straßburg motiviert hilfs- und ausnahmsweise mit des Teufels
Rat; Tristan 11 839, vgl. 12 132.
2 muot. V. 945.