Geistige Kultur der Stauferzeit. 209
wie sittlichem Gebiete. Das Werturteil über die wirtschaftlichen
Güter schwankt nicht mehr in dem Grade, wie früher!, und
der Bestand der Ausdrücke für sittliche Werturteile, der bisher
nur eine Palette gröberer Färbungen aufwies, wird durch Wörter
ergänzt wie milte im Sinne von Humanität (an Stelle des bis⸗
herigen Sinnes Freigebigkeit), oder wie tugent im Sinne ritter⸗
lichen Standesbewußtseins (an Stelle des früheren Sinnes Brauch⸗
barkeit). Gleichzeitig wird in der Dichtung die symptomatische
Schilderung der Affekte immer feiner: schwitzen und beben bei
Heinrich von Veldeke die Helden noch unter der Macht heftiger Liebe,
so vermeiden Gottfried von Straßburg und Hartmann von Aue
so wenig feine Angaben, wie sie auch das bis dahin herkömmliche
Zerreißen der Kleider, Zerkratzen des Gesichts und Raufen des
Haares in der Schilderung der Affekte fast gänzlich unterdrücken?.
Völlig überwunden aber erscheint die Leidenschaftlichkeit der ge—
mütlichen Regungen eines früheren Zeitalters in der Über⸗
führung besonders herber Charaktere der volkstümlichen poeti⸗
schen Überlieserung ins Grausige oder Burleske. So wird
Hagen von Tronegge zu der furchtbaren Gestalt des höfischen
Nibelungenliedes, und in dem ungefügen und kampflustigen
Mönch Ilsan des Rosengartengedichts erscheint in der deutschen
Litteratur der erste komische Alte.
Waren nun all diese Entwickelungen zugleich zweifelsohne
Fortschritte zur individualistischeren Ausgestaltung der Volksseele,
so haben sie doch nirgends über das Konventionelle, über eine
—E chen Seelenlebens hinaus⸗
geführt. Der beste Beweis hierfür liegt in der Thatsache, daß
durchgängig, mit Ausnahme der hervorragendsten, über der Zeit
stehenden Geisteshelden der Periode, noch nirgends die Indivi—
dualität der geistigen Produktion betont wird. Unbeirrt ge⸗
hraucht die bildende Kunst auch noch des staufischen Zeitalters
ein einmal gefundenes glückliches Motiv weiter, ohne dessen
Autor zu beachten: nur so erklärt sich der rasche Abschluß des
1 Vgl. v. Inama, Wirtschaftsgeschichte 2, 427.
2 Bgl. Roetteken in der Zeitschr. f. deutsches Altertum 34, 89.
Lamprecht, Deutsche Geschichte III. 14