Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

208 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
Herzog Ernst, die unglaublichsten Kämpfe mit Orten wie Worms, 
Dortmund oder Soest verknüpften. 
Nichts zeigt deutlicher, als eben diese Ausschweifungen der 
Eutwickelung, daß die Bildung der staufischen Zeit nicht eine 
Bildung des Wissens in unserem Sinne, sondern eine Bildung 
der ästhetischen Lebenshaltung war. Noch weit war man davon 
entfernt, sich an der Hand der Wissenschaft zu bewegen, die 
Kunst forderte alle Rechte. Sie beherrschte die Gedankenwelt 
wie das äußere Dasein; sie gab den Kenntnissen poetische Ge— 
staltung und machte Dichtung zur Wirklichkeit, und sie ver— 
wandelte das Leben des Alltags in Courtoisie, in hövescheit, 
in ästhetisch gepflegtes Dasein. 
So vollzog sich denn unter ihren Einwirkungen zugleich 
eine künstlerische Abtönung der bisherigen Lebenshaltung der 
aristokratischen Schichten. Die leidenschaftliche Bewegtheit des 
früheren Zeitalters, die massive und rohe ÄAußerung elementarer 
Gemütsbewegungen verschwand im Leben nicht minder, wie in 
der bildenden Kunst die excentrische Verrenkung der Glieder; 
an Stelle des Übergewaltigen, Reckenhaften trat das Zierliche 
und Zarte. Die wazo, die Fähigkeit, die Empfindungen unter 
allen Umständen in anmutiger und geglätteter Form zu äußern, 
ward zum Ideal des Lebens wie der Kunst; wirkliche Leiden— 
schaft in ihren elementaren Äußerungen ist schon nach Reimar 
dem Alten arge site, und Wolfram mahnt: 
ob ir manheit kunnet tragen, 
so sult ir leit ze mazen klagens. 
Eine volle Umwandlung der nationalen Persönlichkeit war 
die Folge dieser neuen Anschauungen, das Wesen der früheren 
Gemütskomplexion änderte sich: an Stelle der Gefühle von ge⸗ 
waltiger, typischer Leidenschaft treten konventionell charakterisierte 
Empfindungen abgetönter, nüancierter Natur von einer Weich— 
heit, die bis zur Sentimentalität fortschreiten kann. Dem ent— 
spricht ein ausgeglicheneres Urteil auch auf rein materiellem 
Parzival II, 1027.
	        
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