Full text: Finanzwissenschaft

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4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
zeigt. Die neuere Periode der Steuertheorie hängt enge mit dem 
Auftreten des Physiokratismus zusammen. Diese Schule verkündet 
richtigere Prinzipien und die französische Revolution macht An 
strengung zur Verwirklichung dieser Prinzipien. Das Steuersystem 
soll möglichst einfach, allgemein, gerecht, proportioneil, verfassungs 
mäßig, klar, bequem sein, ein großer Teil der indirekten Steuern 
soll abgeschafft werden, die Besteuerung soll auf die Basis der 
direkten Steuern gelegt werden. Dies war das steuerliche Programm 
der Revolution. Von den direkten Steuern wurden zwei Typen 
angenommen, die Grundsteuer zur Besteuerung des aus dem unbe 
weglichen Vermögen stammenden Einkommens, zur Besteuerung des 
aus persönlicher Tätigkeit und aus beweglichem Vermögen stammen 
den Einkommens die persönliche und mobile Steuer (impöt per 
sonnel et mobilier), welche aber gleichfalls auf sachlichen Momenten 
beruhte, auf der Wohnung. Hierzu kam noch die Patentsteuer 
und die Tür- und Fenstersteuer als direkte Steuern. Dies war das 
Steuersystem der Revolution, welches also das Schwergewicht auf 
die direkten Steuern legte. Aber die rationelleren Traditionen des 
Physiokratismus gerieten bald in Vergessenheit; schon unter Napo 
leon I. erfolgt die Rückkehr zu den indirekten Steuern. Während 
der Revolution von 1848 macht sich wieder für kurze Zeit die 
Abneigung gegen die indirekten Steuern geltend, aber nur vorüber 
gehend. dann treten sie wieder in den Vordergrund, wodurch die 
Last von den Schultern der Wohlhabenden auf die der Ärmeren 
abgeschoben wird. Interessant ist hier die Parallele zwischen Eng 
land und Frankreich. England führt in Kriegszeiten die Einkommen 
steuer ein, Frankreich dagegen drückende Verzehrungssteuern, Eng 
land fordert immer mehr von den vermögenden Klassen den ihnen 
zukommenden Teil der Staatslasten, Frankreich schont die wohl 
habenderen Klassen zum Nachteil der Schwächeren; kein Wunder 
wenn in England der soziale Friede auf festerer Basis ruhte als in 
Frankreich. 
Die französische Steuerpolitik zeichnet sich dem Gesagten ge 
mäß namentlich durch ihren starken Konservativismus aus; die 
Grundlagen bleiben bis auf die jüngste Zeit dieselben, die am Ende 
des XVIII. Jahrhunderts gelegt wurden. Folge hiervon, daß sie 
mit der volkswirtschaftlichen Entwicklung nicht so im Einklang 
steht, wie die englische, ja zum Teil verletzt sie die Postulate der 
volkswirtschaftlichen Entwicklung. Desgleichen zeigt sie wenig 
Empfänglichkeit für die sozialpolitischen Forderungen der Zeit, ja 
aus Furcht vor dem Sozialismus widersetzt sie sich den wiederholt 
gemachten Vorschlägen zur Einführung der Einkommenssteuer.
	        
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