Full text: Theoretische Sozialökonomie

248 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien. 
duktionskosten als der Vergangenheit angehörig für die Preisbildung 
prinzipiell keine Rolle mehr. Es wurde natürlich bei der Produktion 
des betreffenden Realkapitals berechnet, daß der Nettoertrag das durch 
die Produktionskosten dargestellte Kapital verzinsen sollte. Nachher 
kann sich aber herausstellen, daß der Nettoertrag größer oder kleiner 
wird. Die individuellen Produktionskosten des betreffenden Gutes haben 
dann hierauf keinen Einfluß mehr. Nur in dem Maße, wie sie typische 
Produktionskosten darstellen und wie die Nachfrage eine weitere Pro- 
duktion ähnlicher Güter nötig macht, gewinnen die Produktionskosten 
einen Einfluß auf den Nettoertrag des Gutes und geben ihm den vor- 
wiegenden Charakter einer Verzinsung der Produktionskosten. In 
den Fällen aber, wo das betreffende Realkapital selbst individuell ist, 
wo also ähnliche Güter nicht produziert werden, oder wo die Produk- 
tionskosten sich stark verändern, löst sich der Nettoertrag von seinem 
Zusammenhang mit den Produktionskosten und nähert sich in seinem 
wirtschaftlichen Charakter einer reinen Rente im hier gedachten Sinne. 
Als Beispiel kann eine Eisenbahn dienen. Ist sie einmal gebaut, spielen 
die Anlagekosten keine Rolle mehr: der Ertrag bestimmt sich nunmehr 
lediglich aus anderen Gründen. Werden die Anlagekosten schlecht ver- 
zinst, ist dabei nichts zu helfen, weil das Kapital schon in der Anlage 
gebunden ist und nicht daraus freigemacht werden kann. Übersteigt der 
Ertrag den gewöhnlichen Zins auf die Anlagekosten, wird dies wahr- 
scheinlich, wenigstens innerhalb ziemlich weiter Grenzen, keine neue 
Eisenbahnanlage veranlassen. Der Nettoertrag der Bahn hat unter 
solchen Verhältnissen in gewissem Grade den angegebenen Renten- 
charakter. 
Es ist aber hier zu beachten, nicht nur daß das Realkapital unter- 
halten und erneuert werden muß und daß die Kosten hierfür aus dem 
Bruttoertrag gedeckt werden müssen, sondern auch, daß das Kapital, 
das in dieser Weise erhalten zu werden braucht, verzinst werden muß 
und daß diese Zinsen ebenfalls vom Bruttoertrag abgezogen werden 
müssen, ehe wir zu einem Nettoertrag mit dem Charakter einer Rente 
gelangen. Gelingt es nämlich nicht, das genannte Kapital zu ver- 
zinsen, wird natürlich auf die Dauer auch kein Kapital auf Unterhaltung 
und Erneuerung verwendet und das Realkapital wird, in dem Maße wie 
es nicht „unzerstörbar‘‘ ist, vernichtet. Daraus folgt, daß ein renten- 
artiger Teil des Ertrags für einen großen Teil der Realkapitalien über- 
haupt kaum existiert oder jedenfalls eine relativ untergeordnete Be- 
deutung hat. 
Der Nettoertrag eines dauerhaften Gutes hat nach dem Gesagten 
desto weniger den Charakter einer Rente, je weniger individuell das 
Gut ist, je größer also die Zahl ähnlicher Güter ist und je häufiger des- 
halb die Reproduktion erfolgen muß, ferner je öfter infolge steigender 
Nachfrage neue ähnliche Güter produziert werden müssen, und schließ-
	        
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