D. Ricardo.
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Und doch gestehe ich gerne zu, dass Ricardo ein grosses
wissenschaftliches Verdienst hat. Er hat wenigstens nie seinem
Mangel an Humanität, Gemeinsinn und Staatsauffassung mit
klingenden Phrasen beschönigt. In nackter Klarheit hat
ar gezeigt, wohin der einseitige Ausgangspunct eines dem
Capital dienenden Individualismus führen muss und wider Willen
Jiesen Ausgangspunet ad absurdum geführt. Wer selb-
ständig denkt, kann durch Kritik aus Ricardo lernen und wird
in ihm wenigstens den geistig hochstehenden Gegner achten.
Will man Ricardo wirklich verstehen, so muss man ausser
seinen allbekannten „Principles“ auch seine kleineren Schriften
berücksichtigen, in denen die praktische Tendenz deutlicher
hervortritt. Es ist in der That ein Verdienst des schreib-
seligen Epigonen Mac-Culloch, dass er dies“ durch Ver-
anstaltung einer Gesammtausgabe von Ricardo’s Werken Jeder-
mann leicht gemacht hat. (The Works of David Ricardo
möglicht, sondern vor Allem ermöglicht, tendenziös zu Sein, da die zu
Grunde liegenden Hypothesen bis zu gewissem Grade willkürlich sind.
Auch ein interessanter Aufsatz von „C“ (Cohn?) in No. 303 der Beilage
der Allgemeinen Zeitung von 1878 weist mir gegenüber auf den „hypo-
‚;hetischen Charakter“ von Ricardo’s Sätzen, sowie darauf hin, dass Ricardo
‚a lediglich Anmerkungen zu einzelnen Sätzen von A. Smith machen
wollte. — Gewiss kann man viele Sätze von Ricardo als hypothetisch sehr
rerständig interpretiren. Allein man darf nicht vergessen, dass gr selbst
seine Abstractionen keineswegs als rein wissenschaftliche Geistesgymnastik
‚etrachtete, sondern sehr bestimmte praktische Zwecke damit verfolgte,
wie namentlich aus den kleineren Schriften hervorgeht. „Ferner darf man
nicht unbeachtet lassen, dass er den Leser an den nur hypothetischen
Yharakter vieler Sätze keineswegs allzuoft erinnert, und dass dieselben jeden-
falls auf die Epigonen nicht als hypothetische gewirkt haben. Wenn man
aber bedeutende Schriftsteller als Erscheinungen im Leben der ganzen
Zeit und des ganzen Volkes betrachtet, so gilt auch von ihren “Werken
das Wort: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Scharfe Logik
ist eine Geisteskraft, die jeder Mann der Wissenschaft besitzen und üben
muss, aber sie allein macht noch nicht den Nationalökonomen. Dieser
nat Erscheinungen des wirthschaftlichen Lebens zu erklären und muss
diese zuerst richtig und vorurtheilsfrei sehen und dadurch richtige Aus-
gangspuncte für seine logischen Deductionen gewinnen, Ricardo aber hat
höchst einseitige Ausgangspuncte genommen. Man vergleiche übrigens
Bernhardi, „Kritik der Gründe für grosses und kleines Grundeigenthum“ 1849,
Held Sac. Gesch. Eng].