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die Marine kannst du doch dann auch unsere übrigen militärischen
Rilstnngen heranziehen. Die verschlingen doch Jahr für Jahr noch viel
größere Summen, für die nie etwas zurückkommt. Daran dachte ich frei
lich noch nie, daß der Militarismus ja eine ungeheure Erleichterung auf den
Warenmarkt schaffen muß. Da wird uns immer erzählt, daß das Vater
land in Gefahr ist und daß wir deshalb rüsten und hohe Steuern zahlen
müssen. Dabei hat aber die ganze Geschichte den Zweck, den Kapitalisten
Absatz zu verschaffen."
„Halt", rief Wilhelm dazwischen. „Ihr wollt mich t>a beschummeln.
Werden denn die Kriegsschiffe, Kanonen, Munition, Lebensmittel und Aus
rüstungsstücke für die Soldaten u. s. w. nicht ebenso bezahlt, als ob sie ins
Ausland gingen? Wenn also der Export keine Erleichterung schasst, dann
tun es doch die Militärausgaben auch nicht."
„Freilich werden diese schönen Dinge alle bezahlt, und zwar recht gut",
antwortete ich; „aber wo kommt das Geld dazu her? Aus den Steuern
und Zöllen. Die Sache ist also so, daß die großen Massen des Volkes das
Geld zusammenschießen müssen, um den großen Fabrikanten Panzerplatten,
Kanonen, Uniformen u. s. w. abzukaufen und diese schönen Dinge dann
wegzuwerfen oder vielmehr mit ihnen Jahr für Jahr ein paar hundert
tausend junge, arbeitskräftige Männer mit anstrengendem Nichtstun zu be
schäftigen. Würde man alle diese jungen Leute in der Produktion beschäftigen,
statt sie durch zwei Jahre in geschäftigem und anstrengendem Müßiggang
zu erhalten, dann würde die Produktion noch viel rascher wachsen, als sie es
schon tut. Dann würde die Gesellschaft noch mehr in ihrem Warenüberfluß
ersticken."
„Das wäre aber auch ein Unglück!" rief Karl ganz grimmig dazwischen.
„Es können doch gar nicht zuviel Waren da sein. Es gibt noch so viele
Leute, die hungern und frieren, die kein Dach über dem Kopfe haben und
in Lumpen gehen. Und da soll es eine Ueberproduktion geben? Sollen nur
die Kapitalisten die Löhne erhöhen, dann werden sic gleich Absatz für ihre
Waren haben! Dann brauchen wir den ganzen Militarismus nicht mehr."
„Ja, seht ihr," erwiderte ich, „wenn es wirklich das Ziel und der
Zweck unserer Wirtschaft wäre, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen,
dann wäre die Sache sehr einfach, dann gäbe es die Frage der Ueber
produktion überhaupt nicht. Dann ginge es allen Menschen um so besser,
je mehr Güter erzeugt würden; denn um so mehr entfiele dann auf den ein
zelnen. So wäre es in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Heute aber
wird die ganze Produktion nur von dem Streben nach Profit beherrscht.
Es fragt sich nicht, ob die Produkte nützlich sind, sondern, ob sie mit großem
Nutzen verkauft werden können. Darum wird zum Beispiel riesig viel
Kapital und unmittelbare Arbeit auf die Schnapsbrennerei verwendet, ob
gleich der Schnaps gar nichts Nützliches, sondern ein gefährliches und schäd
liches Gift ist, während zugleich eine Menge Menschen hungern, die von dem
Getreide und den Kartoffeln, die jetzt gebrannt werden, ganz gut leben
könnten.
Da nun aber die Höhe des Profits in unserer Wirtschaft das Aus
schlaggebende ist, rönnen sich die Kapitalisten natürlich mit einer Maßregel
nicht befreunden, die diesen Profit schmälert. Eine Erhöhung der Löhne tut
das aber, wie wir gesehen haben. Daher ist es den Kapitalisten viel lieber,
Jahr für Jahr Hunderte von .Millionen ins Meer zu werfen oder in
Kanonen, Festungen u. s. to. zu stecken, die ja doch.fast ganz von der großen
Masse des armen Volkes bezahlt werden müssen, als die Arbeitslöhne zu